ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2000Mutter-Kind-Rehabilitationen: Kinder, Kur und Kreidefelsen

VARIA: Heilbäder und Kurorte

Mutter-Kind-Rehabilitationen: Kinder, Kur und Kreidefelsen

Dtsch Arztebl 2000; 97(40): A-2646 / B-2254 / C-2118

Bühring, Petra

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LNSLNS Das Müttergenesungswerk feiert in diesem Jahr 50-jähriges Jubiläum. Immer mehr Mütter nehmen die Präventions- und Rehabilitationsmaßnahme in Anspruch: Von 1991 bis 1998 haben sich die Ausgaben der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung hierfür vervierfacht.

Eine Mutter-Kind-Kur ist kein Urlaub. Sie kann sogar in Stress ausarten, wenn man alles nutzen will, was die Klinik Sellin im gleichnamigen Ostseebad auf der Insel Rügen bietet: Rückenschule, Gymnastik, Joggen, Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Stressbewältigungskurs, Psychologische Einzelgespräche, Gesprächskreis Erziehung, Inhalationen, Asthma-Schulung, medizinische Bäder, Sauna, Ernährungsschulung, und – die beliebteste Anwendung – Kreidepackung mit anschließender Massage. Letztere streicht niemand aus seinem Therapieplan. Wenn dieser zeitlich zu eng wird, können Anwendungen in Absprache mit dem Arzt oder der Psychologin abgesagt werden. Weil Stress unterschiedlich empfunden wird, sollte jede Frau für sich selbst entscheiden, was ihr gut tut.
Darin unterstützt der Gesprächskreis „Stressbewältigung“ unter Leitung einer Diplom-Psychologin stressgeplagte Mütter. Zeitmanagement und Stressoren-Beseitigung sind Themen, die der Kurs doppelt belasteten Müttern vermittelt. Wer ständig zwischen Kind(ern), Beruf und Haushalt Grat wandert, ohne sich eine Pause zu gönnen, hat langfristig gesundheitliche Schäden zu befürchten.
Psychosomatische und psychovegetative Erkrankungen stehen an der Spitze der Indikationen für eine dreiwöchige Präventions- und Rehabilitationsmaßnahme in der Eltern-Kind-Klinik Sellin, gefolgt von Asthma, Atemwegserkrankungen, Neurodermitis sowie Wirbelsäulen- und Bandscheibenschäden. Die Kinder kommen entweder mit eigener Indikation oder begleitend, wenn sie nicht anderweitig versorgt werden können. Eine Hand voll alleinerziehender Männer verliert sich zwischen den mehr als hundert Frauen; sie wären in einer gesonderten Vater-Kind-Kur besser aufgehoben.*
Die Klinik Sellin GmbH und Co KG ist mit 308 Betten eine große Einrichtung. Sie hat Versorgungsverträge mit allen Krankenkassen nach Paragraph 111 SGB V und ist als private Anstalt anerkannt (§ 30 GewO). Die Klinik arbeitet zusammen mit einer Ar-
beitsgemeinschaft von acht weiteren Eltern-Kind-Kliniken. Ihr Plus ist die Lage: inmitten eines Buchenwaldes im Biosphären-Reservat Süd-
ost-Rügen, fünf Minuten von der neu aufgebauten Selliner Seebrücke (Foto) und dem Strand entfernt. Sellin war zu Zeiten Kaiser Wilhelms als mondänes Ostseebad bekannt. Im Stil der verspielten „Bäderarchitektur“ ließ das Großbürgertum damals Villen bauen. Die nach der
Wende sorgsam restaurierten Häuser verhelfen Sellin zu seinem Charme.
Das Reizklima der Ostsee unterstützt die Heilung von Bronchialerkrankungen – es wird daher geraten, den Strand möglichst oft zu besuchen. Einen Ausflug wert sind die bizarren Kreidefelsen auf der Halbinsel Jasmund, die schon Caspar David Friedrich inspirierten. Die weiße Erde wird, verarbeitet zur „Rügener Heilkreide“, bereits seit 1910 unter anderem zur Behandlung von Rheuma, Ar-
throsen und Hauterkrankungen verwendet. In der Abteilung Physiotherapie der Klinik Sellin wird 55 Grad heißer Kreideschlamm zur Wärmebehandlung vor einer Massage eingesetzt: der Schlamm wird dick auf den Rücken aufgetragen (Foto), luftdicht abgedeckt und der Körper eine halbe Stunde in Decken eingehüllt. Neben dem Entspannungs- und Wärmeeffekt macht die Kreide die Haut spürbar weicher.
„Cleopatrabäder“ sind eine weitere Besonderheit in Sellin und sehr beliebt bei den Frauen: Stutenmilch gemischt mit Rhizinusöl trägt zum Therapieerfolg von Haut-
erkrankungen bei. Die teure Stutenmilch, die sich durch einen besonders hohen Laktosegehalt auszeichnet, stammt von einem Haflinger-Gestüt auf der Halbinsel Ummanz auf Rügen.
Die Klinik ist noch jung – im September 1998 fanden die ersten Kuren statt – und noch sind nicht alle Konzepte ausgereift. Doch die Klinikleiterin Cordula Klemenz hat stets ein offenes Ohr für Verbesserungsvorschläge der Patienten und bittet den „Mekkerkasten“ zu benutzen. So ließ sie im letzten Jahr Trennwände im Speisesaal einziehen, da der Lärm von oft hundert Kindern während der Essenszeiten unerträglich war.
Stressfaktor
Kinderbetreuung
Ein großer Stressfaktor ist für Mütter mit Kindern unter drei Jahren die Betreuung, die sich auf die Zeiten der Anwendungen beschränkt. „Wenn ich das vorher gewusst hätte, wäre ich nicht hierher gekommen“, klagt die Mutter einer Zwei- und einer Vierjährigen: „An manchem Tag muss ich die Kleine viermal in die Kinderbetreuung geben und wieder herausholen, weil meine Anwendungen zeitlich so versetzt sind. Das Kind reagiert dementsprechend, und ich bin nur im Stress.“
Besser organisiert ist die Kinderbetreuung der Kleinen während der „Krabbelkuren“ für Kinder ab sechs Monaten. Eine Sonderkur richtet sich dabei speziell an alleinerziehende Mütter; ein anderer hilft Säuglingen mit Neurodermitis.
Die über dreijährigen Kinder werden ganztägig in der gut ausgestatteten „Sandburg“ betreut. Die Erzieherinnen basteln oder malen mit den Kindern oder unternehmen Ausflüge. Was man alles aus Milch, Getreide und Zucker machen kann, vermittelt eine Ernährungsberaterin den Kleinen.
Eine Mutter-Kind-Kur gewährt nicht nur kurzzeitig Abstand vom Alltag. Sie bringt Einsichten in gesundheitsschädigende Verhaltensweisen und leitet zur Veränderung im Alltag an. Schließlich sollte ein Aspekt nicht unterschätzt werden: Die Gemeinschaft von Frauen, die die eigenen Probleme kennen und verstehen.
c Informationen: Klinik Sellin, Am Kurweg 1, 18586 Ostseebad Sellin, Telefon: 03 83 03/9 00, Fax: 03 83 03/ 9 01 00. Petra Bühring
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