ArchivDeutsches Ärzteblatt33/1996Warnende Hinweise zur Verschreibung von Clomethiazol (Distraneurin®)

MEDIZIN: Kurzberichte

Warnende Hinweise zur Verschreibung von Clomethiazol (Distraneurin®)

Tölle, Rainer; Färber, David

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LNSLNS Vor dem Hintergrund eines allgemeinen Anwachsens der Suchtproblematik, besonders des Arzneimittelmißbrauchs und der Mehrfachabhängigkeiten, wurde in den vergangenen Jahren wiederholt vor den Gefahren des Clomethiazols-(Distraneurin®-)Mißbrauchs gewarnt (2,3). Das Suchtpotential von Clomethiazol ist seit 1966 bekannt (4) und in zahlreichen klinischen Untersuchungen uneingeschränkt bestätigt worden (1,5). Es entsteht innerhalb kurzer Zeit eine ausgeprägte körperliche Abhängigkeit mit dem Risiko des vollentwickelten Entzugsdelirs einschließlich zerebraler Krämpfe, welches sich in keiner Weise von einem alkoholbedingten Delir unterscheidet. Außerdem bildet sich eine besonders hartnäckige, schwer zu behandelnde psychische Abhängigkeit aus.


Strenge Indikationsstellung
In diesem Zusammenhang wurde wiederholt auf die Notwendigkeit einer strengen Indiaktionsstellung hingewiesen. Die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft empfahl, die Anwendung beim schweren körperlichen Entzugssydrom auf Fachkliniken zu beschränken, zumal das Risiko einer unkontrollierten Weitergabe und mißbräuchlichen Konsums von Clomethiazol im Rahmen ambulanter Verschreibung besonders groß ist. Die Warnung vor den Gefahren besonders der ambulanten Verordnung von Clomethiazol ist weiterhin aktuell: So hatte etwa ein Viertel der während der vergangenen fünf Jahre in unserer Klinik behandelten alkoholabhängigen Patienten bereits ein- oder mehrmals Kontakt mit Clomethiazol (Distraneurin®), der überwiegende Teil während der Entzugsbehandlung im Krankenhaus, knapp 10 Prozent allerdings auch während ambulanter "Entgiftungen". Dabei handelt es sich bei diesem Patientenkreis erfahrungsgemäß um überwiegend chronisch Erkrankte, für die aufgrund der oft ungünstigen Verläufe und damit verbunden wiederholter Entzugsbehandlungen die Entwicklung einer Abhängigkeit von Clomethiazol (Distraneurin®) besonders gefährlich ist: Denn im Falle des alkoholbedingten Delirs kann Clomethiazol (Distraneurin®) lebensrettend sein. Wenn ein Patient aber bereits von Clomethiazol (Distraneurin®) abhängig ist, steht dieses zur Behandlung des alkoholbedingten Delirs nicht mehr zur Verfügung, das heißt seine Überlebenschancen sinken beträchtlich. Daher sollte für die Indikationsstellung einer Behandlung mit Clomethiazol (Distraneurin®) folgendes erinnert werden:
1. Clomethiazol darf nur zur Behandlung des akuten, schweren alkoholbedingten Delirs unter stationären Bedingungen verwendet werden. Hier sollte besser ein Neuroleptikum (zum Beispiel Haldol) verwendet werden, gegebenenfalls, etwa bei Gefahr alkoholbedingter zerebraler Krämpfe, in Kombination mit einem Benzodiazepin (zum Beispiel Valium).
2. Nur in der Hand des erfahrenen Arztes kann Clomethiazol gelegentlich in der Geriatrie oder Gerontopsychiatrie in niedriger Dosierung zur Behandlung von Unruhe- und Verwirrtheitszuständen eingesetzt werden.
3. Clomethiazol ist nicht indiziert:
! in der gewöhnlichen ambulanten oder stationären Entziehungsbehandlung und keinesfalls zur Linderung von Entzugssymptomen;
! bei Entwöhnungsbehandlungen (auch nicht unter stationären Bedingungen);
! bei Medikamentenabhängigkeit, da Clomethiazol in diesen Fällen mit der Gefahr einer polyvalenten Suchtentwicklung verbunden ist
! bei akuten anderen psychiatrischen Erkrankungen, zum Beispiel akuten Manien oder schizophrenen Psychosen.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1996; 93: A-2098
[Heft 33]


Literatur:
1.Andritsch F, Reimer F: Distraneurin. Kein Therapeutikum der Alkoholabhängigkeit. Med Klin 1976; 71: 717-718
2.Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft: Strenge Indikationsstellung für Clomethiazol. Deutsches Ärzteblatt 1977; 74: 1902 [Heft 30]
3.Bauer A: Die medikamentös gesteuerte Sucht. I. Arzneim-Forsch 1970; 20: 864-865
4.Lundquist G: Acta Psychiat Scand 1966; 192: 203
5.Reilly TM: Physiological Dependence on, and Symptoms of Withdrawal from, Chloromethiazol. Brit J Psychiat 1976; 128: 375-378
Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. med. Rainer Tölle
Psychiatrische Universitätsklinik Münster
Albert-Schweitzer-Straße 11
48149 Münster

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