ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPraxis Computer 5/2000Verhaltensmedizin im Internet: Spreu und Weizen

Supplement: Praxis Computer

Verhaltensmedizin im Internet: Spreu und Weizen

Dtsch Arztebl 2000; 97(40): [25]

Ott, Ralf

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LNSLNS Für den Einstieg in den Bereich verhaltensmedizinischer Störungsbilder ist das Internet gut geeignet, auch wenn
entsprechende Recherchen noch einigen Aufwand erfordern.
Ein neues Fachgebiet, das sich an der Schnittstelle von Medizin und Psychologie in den letzten drei Jahrzehnten entwickelt hat, ist die Verhaltensmedizin (engl. Behavioural Medicine). Ein fundierter Überblick findet sich bei Flor, Hahlweg und Birbaumer (1, 2). Die interdisziplinäre Verhaltensmedizin geht von der Prämisse aus, dass dem Verhalten bei der Entstehung und Bewältigung von Krankheiten eine zentrale Rolle zukommt. Sie befasst sich mit den Entstehungsbedingungen, der Prävention und der Behandlung von Krankheiten und körperlichen Beschwerden, wobei die Behandlungskonzepte überwiegend der klinischen Verhaltenstherapie verpflichtet sind. Anders formuliert, geht es hier um das schon oft beschriebene Leib-Seele-Problem, den Zusammenhang zwischen Psyche und Gesundheit. Allerdings nicht auf der Basis eines tiefenpsychologischen Menschenbildes, wie es die klassische Psychosomatik bietet, sondern auf Basis des Wissens und der Methoden der wissenschaftlichen kognitiv-behavioral orientierten Klinischen Psychologie. Ein Überblick zur Entwicklung und Historie der Verhaltensmedizin ist zu finden bei Kennerly (4).
Verhaltensmedizinische
Störungsbilder
Patienten berichten häufig, dass ihre Beschwerden unter Stress deutlich schlimmer werden; viele beobachten auch, dass Krankheitsschübe sich an belastende Lebensereignisse anschließen. Dies konnte in den letzten beiden Jahrzehnten für viele Krankheiten wissenschaftlich nachgewiesen werden. Zu diesen gehören vor allem: Allergien, Asthma, Diabetes, Neurodermitis, Tinnitus und verschiedene Arten von chronischen Schmerzerkrankungen. Zu diesen Störungs-
bildern gibt es eine Vielzahl von Informationsangeboten im Internet.
Einen hervorragenden Einstieg zum Thema Allergien, Asthma und Neurodermitis findet sich bei dem Portal „AllergieInfo“. Das Angebot richtet sich sowohl an Ärzte und Psychologen in Forschung und Praxis als auch an Ratsuchende und Patienten. Es umfasst neben aktuellen News, einer Datenbank mit Fachärzten, aktuellen Wetter- und Luftinformationen auch ein Verzeichnis mit Internet-Adressen zu sämtlichen mit Allergie in Verbindung stehenden Themen. War der weite Bereich der Allergien bis vor kurzem hauptsächlich Sache der Schulmedizin, finden sich hierzu inzwischen auch viele verhaltensmedizinische Konzeptionen, wie sie besonders in den Klinikvorstellungen in diesem Portal deutlich werden.
Ähnlich strukturierte Startseiten gibt es für Diabetes (Diabetes Info Server, DiabetesWeb). Auch hier finden sich Informationen für alle Gruppen: Betroffene, Angehörige, Praktiker und Wissenschaftler. Verhaltensmedizinische Komponenten spielen bei Diabetes vor allem in Therapie, Compliance und Selbst-Management eine Rolle. Ein Beispiel ist die Homepage der Arbeitsgruppe Psychologie und Verhaltensmedizin der Deutschen Diabetes Gesellschaft.
Hervorzuheben sind als weitere Beispiele die Startseiten der Deutschen Tinnitus-Liga (DTL) und der Deutschen Rheuma-Liga. Bei der DTL ist aus verhaltensmedizinischer Sicht vor allem die Retraining Therapie von Bedeutung, die eine akustische Markertherapie mit einer individuellen psychologischen Behandlung kombiniert. Sie wird im Rahmen dieses Angebotes ausführlich dargestellt. Der Begriff „Rheuma“ umfasst viele Störungsbilder, unter anderem die so genannte Fibromyalgie. Für diese Krankheit wurde in den zurückliegenden Jahren eine Reihe von verhaltensmedizinischen Behandlungskonzepten evaluiert, die in diesem Angebot vorgestellt werden. Zu weiteren Internet-Adressen siehe die Infobox.
Suchstrategien
Bei den angeführten Beispielen handelt es sich um etablierte, gut besuchte Einstiegsseiten zu gewissen Störungen. Allerdings tauchen verhaltensmedizinische und psychologische Konzepte selten auf oberster Ebene auf. Vielmehr muss der interessierte Nutzer innerhalb des Angebotes gezielt nach ihnen suchen. Es genügt daher nicht, in irgendeine beliebige Suchmaschine den Begriff „Verhaltensmedizin“ und das jeweilige Störungsbild einzugeben. Diese Suchstrategie führt in den wenigsten Fällen zum gewünschten Erfolg. Zwei Strategien erscheinen hier hilfreich:
m Zum einen empfiehlt es sich, Indexverzeichnisse wie web.de, dino-online.de oder yahoo.de aufzusuchen und von dort aus nach Startseiten und Portalen zu den jeweiligen Störungsbildern auszuwählen und in diesen dann zu stöbern.
m Zum andern bieten die Seiten von bekannten Fachverbänden oder Selbsthilfeorganisationen einen guten thematischen Einstieg. Derartige Startseiten enthalten neben eigenen Informationen zum Thema meist Verweise auf andere Angebote im Internet. Zudem kann sich der Anwender dort relativ sicher sein, seriöse Informationen zu erhalten.
Ein globaler Einstiegspunkt ins deutschsprachige Internet fehlt zurzeit noch; vielleicht wird sich die Deutsche Gesellschaft für Verhaltensmedizin und Verhaltensmodifikation (DGVM) mittelfristig dieser Aufgabe annehmen.
Behandlungsverfahren:
Beispiel Biofeedback
Die verhaltensmedizinische Grundlagenforschung hat in den letzten beiden Jahrzehnten neben einer Reihe von ganzheitlichen Behandlungskonzepten auch die erfolgreiche Behandlungsmethode „Biofeedback“ hervorgebracht.
Darunter wird ein Verfahren verstanden, bei dem physiologische Prozesse, die nicht oder nur ungenau durch die exterozeptiven Sinnesorgane erfasst werden, der bewussten Wahrnehmung zugänglich gemacht werden können. Mittels Sensoren werden physiologische Parameter abgenommen und durch eine spezifische Apparatur in wahrnehmbare – meist optische oder akustische Signale – umgesetzt. Nach dem Prinzip der operanten Konditionierung können diese Körpervorgänge dann gezielt beeinflusst und ihre Regulationen bis zur willentlichen Kontrolle erlernt werden.
Anwendung fand das Biofeedback insbesondere bei einer Vielzahl von motorischen und Schmerzstörungen, beispielsweise der Migräne. Ein aktueller Überblick und eine kritische Diskussion kann in dem Beitrag von Rief, Heuser und Fichter (3) nachgeschlagen werden. Ausführliche Informationen finden sich im Biofeedbackforum der Deutschen Gesellschaft für Biofeedback. Beschrieben werden dort die Grundzüge des Verfahrens sowie Weiterbildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten. Zur Kommunikation steht außerdem ein Diskussionsboard zur Verfügung.
Noch nicht komplett
erschlossen
Komplett erschlossen ist der Bereich der Verhaltensmedizin im Internet noch nicht. Dazu fehlt es an gut organisierten Wegweisern für die effiziente und schnelle Recherche. Damit verbunden ist eine mangelnde Qualitätssicherung der bereitgestellten Informationen. Zurzeit muss der Anwender noch selber die Spreu vom Weizen trennen.
Festzuhalten bleibt: Eine Vielzahl von Informationen ist vorhanden. Für Ärzte und Psychologen mit Informationsbedarf lässt sich der zumeist teure Weg in die Buchhandlung zunächst sparen. Um einen Überblick zu einzelnen Gebieten der Verhaltensmedizin zu bekommen, eignet sich das Internet schon heute.
Ralf Ott

Kontaktadresse: Ralf Ott, Psychologisches Institut der Universität Bonn, Internet: www.psychologie.uni-bonn.de/~ott_r, E-Mail: ralfott@web.de



Internet-Adressen
AllergieInfo: www.allergieinfo.de
Deutscher Allergie und Asthma Bund: www.daab.de
Deutscher Neurodermitiker Bund: www.dnb-ev.de
Hautinfo: www.hautinfo.de
Diabetes Info Server: www.diabeticus.com
DiabetesWeb: www.diabetesweb.de
Arbeitsgemeinschaft Psychologie und Verhaltensmedizin der DDG: www.diabetes-psychologie.de
Deutsche Tinnitus-Liga: www.tinnitus-liga.de
Deutsche Rheuma-Liga: www.rheuma-liga.de
Deutsche Fibromyalgie-Vereinigung:
www.fibromyalgie.via.t-online.de
Tourette Syndrom Homepage: www.tourette.de
Deutsche Gesellschaft für Verhaltensmedizin und Verhaltensmodifikation: www.dgvm-online.de
Deutsche Gesellschaft für Biofeedback:
www.biofeedbackforum.de



Literatur
1. Flor H, Hahlweg K, Birbaumer N
(Hrsg): Grundlagen der Verhaltensme-
dizin, Enzyklopädie der Psychologie,
Serie „Klinische Psychologie“, Band
4, Göttingen 1999.
2.  Flor H, Hahlweg K, Birbaumer N
(Hrsg): Anwendungen der Verhaltens-
medizin, Enzyklopädie der Psycholo-
gie, Serie „Klinische Psychologie“,
Band 4, Göttingen 2001.
3. Rief W, Heuser J, Fichter M: Bio-
feedback – ein therapeutischer Ansatz
zwischen Begeisterung und Ableh-
nung. Verhaltenstherapie, 6, 43-50,
1996.
4. Kennerly KC: A brief history of the
origins of behavioral medicine, 1998
(online document, available:http://
www.unt.edu/bmed/abrief.htm).
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