ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2000Psychiatrie-Reform: Partikularinteressen

POLITIK

Psychiatrie-Reform: Partikularinteressen

Dtsch Arztebl 2000; 97(41): A-2669 / B-2277 / C-2023

Bühring, Petra

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LNSLNS Die integrierende Versorgung ist in der Psychiatrie weit fortgeschritten. Probleme gibt es bei der Koordination: zwischen
Versorgungseinrichtungen und zwischen Kostenträgern.

Kein anderes Fach der Medizin habe in den letzten 20 Jahren so tief greifende Reformen verwirklicht wie die Psychiatrie, resümierte Prof. Dr. med. Max Schmauß, Direktor des Bezirkskrankenhauses Augsburg, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), anlässlich des Kongresses der Fachgesellschaft in Aachen. Die DGPPN – nach eigenen Angaben die zweitälteste Fachgesellschaft der Welt – hatte rund 1 000 Teilnehmer eingeladen, um auf mehr als 60 Symposien über aktuelle Erkenntnisse aus Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie zu diskutieren. Die Versorgung psychisch Kranker sei im Vergleich zu 1975 – die Psychiatrie-Enquete stellte damals eine „katastrophale Versorgungslage“ in Deutschland fest – wesentlich verbessert worden. Schmauß erläuterte die wichtigsten Veränderungen:
- Die Zahl der Krankenhausbetten in der Psychiatrie wurde von 100 000 (1971) allein in Westdeutschland auf knapp 70 000 (1994) reduziert.
- 37 Prozent der Betten für psychisch Kranke stehen heute in Allgemeinkrankenhäusern. 150 psychiatrische Abteilungen gab es dort 1998 im Vergleich zu 21 im Jahr 1970.
- Die durchschnittliche Verweildauer im Krankenhaus lag damals zwischen 100 und 200 Tagen – heute ist sie auf 20 bis 30 Tage gesunken.
- Die Zahl der niedergelassenen Psychiater/Nervenärzte hat sich versechsfacht: Ende 1999 waren 5 400 zugelassen.
- Die Zahl der Zwangseinweisungen ist zurückgegangen: Sie liegt heute zwischen ein und fünf Prozent aller Aufnahmen.
- Ein Netz aus Institutsambulanzen, Tageskliniken, niedergelassenen Ärzten und Sozialpsychiatrischen Diensten ermöglicht psychisch Kranken, zu Hause statt im Großkrankenhaus zu leben.
Allerdings stellt die Koordination zwischen den ambulanten, rehabilitativen und stationären Einrichtungen noch „ein großes Problem“ dar, klagte Prof. Dr. med. Jürgen Fritze, Geschäftsführer der DGPPN, Köln. Eine Ursache dafür sieht er in der fehlenden Kontinuität der Kostenträger: „Aus Partikularinteressen wehren sich die Kostenträger gegen eine gemeinsame Plattform.“ Inzwischen habe sich eine Regelfinanzierung rehabilitativer Leistungen durch die Sozialhilfe eingespielt: 40 Prozent der chronisch psychisch Kranken beziehen ihren Unterhalt aus diesem Topf. Darüber hinaus kritisierte Fritze, dass der Bundes­aus­schuss der Ärzte und Krankenkassen die Richtlinien zur Soziotherapie noch nicht beschlossen hat.
Kampf gegen das Stigma
Prof. Dr. med. Henning Saß, Präsident der DGPPN, betonte, dass psychisch Kranke in der Versorgung nicht vernachlässigt werden dürfen, „nur weil ihre Erkrankungen nicht so öffentlichkeitswirksam sind wie die dramatischeren somatischen Krankheiten“. Um das Bild psychisch Kranker in der Öffentlichkeit zu verbessern, unterstützt die Fachgesellschaft die Anti-Stigma-Kampagne der World Psychiatric Association. Konkrete Aktionen in Deutschland sind für Anfang nächsten Jahres geplant.
Zur besseren Kooperation zwischen Forschung und Versorgung wird ein weiteres Kompetenznetz (siehe Deutsches Ärzteblatt, Heft 26/2000) vorbereitet: diesmal geht es um Demenz. Petra Bühring
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