ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2000Krankenhäuser: Sozialarbeit unverzichtbar

POLITIK

Krankenhäuser: Sozialarbeit unverzichtbar

Dtsch Arztebl 2000; 97(41): A-2674 / B-2280 / C-2144

Gödecker-Geenen, Norbert

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LNSLNS Der Bedarf wächst trotz aller Sparaktionen.

Die Aufgaben der Sozialarbeit im Krankenhaus haben sich deutlich verändert. Stand noch vor wenigen Jahren die umfassende psychosoziale Betreuung und persönliche Beratung der Patienten im Vordergrund, wird die Sozialarbeit heute vor allem dazu eingesetzt, Fehlbelegungen zu verhindern oder zu verringern. Vom „Anwalt der Patienten“ hat sich die Sozialarbeit im Krankenhaus vielfach zum verlängerten Arm einer vor allem nach wirtschaftlichen Aspekten orientierten Verwaltung entwickelt. Neben diesen Veränderungen, die in erster Linie durch die Vorgaben der Gesundheitspolitik entstanden sind, beeinflussen geänderte gesamtgesellschaftliche Rahmenbedingungen die Arbeit der Sozialarbeit im Krankenhaus.
Nach Schätzungen der Deutschen Vereinigung für den Sozialdienst im Krankenhaus e.V. (DVSK) haben sich in den letzten zehn Jahren die Fallzahlen verdoppelt. Gleichzeitig hat sich die Zahl der Themen erhöht, mit denen die Krankenhaus-Sozialdienste konfrontiert werden. Obwohl die Sozialarbeit im Krankenhaus also erheblich an Bedeutung gewonnen und wesentlich mehr Aufgaben zu bewältigen hat, ist der Personalbestand jedoch nicht angepasst worden. In einigen Bereichen wurden sogar Stellen gekürzt.
Nachfrage nach Sozialarbeit wächst
Die Gründe für die verstärkte Nachfrage nach Sozialarbeit sind vielfältig: Aufgrund der Verkürzung der Verweildauer steigt der Bedarf an Beratung zu nachstationärer Hilfe. Viele Patienten konnten noch vor rund fünf Jahren so lange im Krankenhaus bleiben, bis ihre Selbstständigkeit wiederhergestellt war, weil eine Behandlung im Akutkrankenhaus erste rehabilitative Maßnahmen mit einschloss. Heute ist die Abgrenzung zwischen Akutbehandlung und Rehabilitation schärfer. Akutkrankenhäusern, die Patienten nicht sofort nach der Akutbehandlung entlassen, wird von den Kostenträgern Fehlbelegung vorgeworfen. Dadurch müssen immer mehr Patienten immer früher in eine Rehabilitationsklinik verlegt werden, wodurch neuer Beratungs- und Steuerungsbedarf für die Sozialarbeit entsteht.
Viele nachstationäre Hilfesysteme haben sich jedoch noch nicht ausreichend auf die neuen Erfordernisse eingestellt. So sind sie oft nicht in der Lage, den höheren Versorgungsbedarf sicherzustellen, der durch die kurzen Akutbehandlungszeiten erforderlich ist. Die Krankenhaus-Sozialarbeit übernimmt damit bei der Vermittlung in eine nachstationäre Versorgung allein durch die richtige Auswahl große Verantwortung für eine umfassende Gesundung der Patienten.
Der medizinische Fortschritt führt dazu, dass die Menschen immer älter werden. Ältere Menschen leiden häufiger unter mehreren unterschiedlichen, oft chronischen Erkrankungen und müssen daher überdurchschnittlich oft zur Akutversorgung ins Krankenhaus. Nach der Akutbehandlung sind sie in der Regel pflege- oder versorgungsbedürftig, da der Genesungsprozess bei älteren Menschen meist länger dauert. Der Sozialdienst im Krankenhaus muss sich daher zunehmend um ältere Patienten kümmern, die inzwischen zu den Hauptanfragern der Sozialarbeit zählen.
Erweiterte Aufgaben
Immer mehr Menschen haben keine familiären oder nachbarschaftlichen Hilfesysteme, die sie zum Beispiel nach einem Kranken­haus­auf­enthalt unterstützen wollen und können. Diese Menschen brauchen kompetente sozialarbeiterische Beratung über organisierte und professionelle Hilfen.
Schließlich müssen neue gesetzliche Bestimmungen in die Beratung einbezogen werden. Zu nennen sind hier beispielsweise die gesetzliche Pflegeversicherung, das Betreuungsgesetz oder spezielle Verfahrenswege einzelner Krankenkassen beim Übergang in die Rehabilitation, häusliche Pflege und anderes.
Ansätze zur Verbesserung
Sozialarbeit im Krankenhaus wird heute in erster Linie eine Patientenströme steuernde Funktion zugewiesen. Ihre Leistungen werden danach beurteilt, wie schnell sie diese Aufgabe erledigt. Das entspricht nicht der Kernkompetenz.
Zweifellos gibt es in der Versorgung kranker Menschen Defizite, zu deren Beseitigung Sozialarbeit wesentliche Beiträge liefern kann. Denn viele die-
ser Versorgungsdefizite hängen eng mit der fehlenden Einbeziehung sozialer Aspekte in die Behandlung zusammen. Trotz hervorragender medizinischer Leistungen bleibt eine optimale Gesundheitsversorgung daher weit hinter den Möglichkeiten zurück.
Soziale Aspekte in die Genesung und die Krankheitsbewältigung einzubeziehen sind die ursprünglichen Ziele und Kernaufgaben der Sozialarbeit im Krankenhaus. Sozialarbeiter im Krankenhaus verfügen über die notwendige Professionalität und das fachliche Potenzial, die medizinisch und pflegerische Patientenversorgung um diese wichtigen Aspekte zu ergänzen. Der Bedarf an Sozialarbeit im Krankenhaus und deren weiterer Ausbau ist somit eindeutig vorhanden. Derzeit jedoch wird Sozialarbeit im Krankenhaus nicht ihren Möglichkeiten entsprechend eingesetzt.
Wenn das Gesundheitsreformgesetz 2000 wie geplant umgesetzt werden kann, werden ab 1. Januar 2003 in den Akutkrankenhäusern pauschalierte Entgelte („Diagnosis Related Groups“) eingeführt. Derzeit wird über die Höhe der einzelnen Fallpauschalen verhandelt. Die Leistungen der Sozialarbeit werden dabei bislang nicht als notwendiger Kostenbestandteil berücksichtigt. Dies muss korrigiert werden.
Wir sind allerdings überzeugt davon, dass es zu einer Neuorientierung und einer grundlegenden Änderung der Situation der Krankenhaus-Sozialarbeit kommen muss. Die Erkenntnis, dass in der Patientenversorgung medizinische Faktoren stärker mit sozialen Fragestellungen verknüpft werden müssen, ist in Ansätzen bereits erkennbar. Wir sehen daher einen hohen Bedarf an qualifizierten Beratungsleistungen der Sozialarbeit in der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung.
Mitwirkung an neuen Versorgungskonzepten
Als Vertreter der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in den Krankenhäusern ist die DVSK bereit, an neuen Versorgungskonzepten mitzuwirken. Von denjenigen, die über die Zukunft der Krankenhäuser entscheiden, erwartet die DVSK eine eingehende Prüfung der Argumente zu einer besseren Krankenversorgung und die Einbeziehung in Gremien, die sich mit der Situation im Gesundheitswesen beschäftigen und Richtlinien für die Zukunft entwickeln.

Anschrift der Verfasser:
Norbert Gödecker-Geenen
1. Vorsitzender
Hans Nau
2. Vorsitzender
Deutsche Vereinigung für den Sozialdienst
im Krankenhaus e.V. (DVSK)
Kaiserstraße 42
55116 Mainz

Fast 1,9 Millionen Menschen erhielten Mitte 1999 Hilfe durch die gesetzliche Pflegeversicherung. Das waren etwa 900 000 mehr als im Jahr 1995, als die Pflegeversicherung als fünfte Säule der Sozialversicherung eingeführt wurde. 46 Prozent der Pflegebedürftigen erhalten Leistungen nach der Stufe 1; als schwer- und schwerstpflegebedürftig gelten 990 000 Männer und Frauen.


Die Zahl der Krankenhausbetten je 1 000 Einwohner („Bettendichte“) ist von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich. Die höchste Konzentration ist in Bremen, die niedrigste in Schleswig-Holstein.
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