ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2000Greenpeace und der Patentantrag: Schlecht recherchiert

POLITIK: Kommentar

Greenpeace und der Patentantrag: Schlecht recherchiert

Dtsch Arztebl 2000; 97(41): A-2678 / B-2283 / C-2146

Koch, Klaus

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LNSLNS Der erste Tag gehörte Greenpeace. Als die Umweltschützer am 5. Oktober die Pressemitteilung herausgaben, sie hätten einen weiteren Patentantrag auf menschliche Embryonen entdeckt, reagierte die Presse fast einmütig und transportierte den Schrecken, den Greenpeace auslösen wollte: „Gentechniker schaffen Misch-wesen aus Mensch und Schwein“ und ähnlich lauteten die Schlagzeilen. Einen Tag später blieb von dieser Interpretation nicht viel übrig.
Während Greenpeace behauptet hatte, Patente auf menschliche Embryonen könnten in Europa erteilt werden, sei der Antrag in Wahrheit bereits vor acht Monaten abgelehnt worden, schildert Rainer Oberwalder, der Sprecher des Europäischen Patentamtes: Patente auf menschliche Embryonen seien nach EU-Patentrecht „contrary to morality“ – sie verstoßen gegen ethische Prinzipien. Die Frage ist nun, ob Greenpeace von dieser Ablehnung nicht sogar wusste. Als die Umweltaktivisten Pressemitteilungen herausgaben, hatte der Patentantrag Wo 99/21415 der australischen Biotechnologie-Firma Stem Cell Sciences und ihrer US-Partnerin Biotransplant bereits einen Monat in der Schublade von Christoph Then gelegen, dem Campaigner der Umweltorganisation; Zeit genug also, sich nach dem aktuellen Stand zu erkundigen. „Das haben wir nicht als unsere Aufgabe gesehen“, sagt Then.
Das Desinteresse überzeugt nicht. Man kann sich zu leicht vorstellen, wie gerne Greenpeace die Nachricht präsentierte hätte, dass ein weiteres Patent auf menschliche Embryonen erteilt wäre. Im Februar hatte Then bereits entdeckt, dass das Europäische Patentamt tatsächlich ein Patent auf eine Technik zur Klonierung menschlicher Embryonen erteilt hatte. Die Behörde musste damals ihren Fehler einräumen. Da das Patentamt diesmal nicht geschlafen hatte, passte die Suggestion, der Antrag sei noch in der Schwebe, sicher besser in die „Kein Patent auf Leben“-Kampagne der Greenpeacer. Then gibt zu, dass man den Zeitpunkt der Bekanntgabe gewählt habe, um eine für die folgende Woche geplante Kabinettsitzung der Bundesregierung zu beeindrucken: Dort soll der Gesetzentwurf beraten werden, mit dem die 1998 verabschiedete EU-Patentrichtlinie in deutsches Recht umgesetzt werden soll. Und der geht Greenpeace nicht weit genug.
Dass die Umweltaktivisten entweder absichtlich schlecht recherchiert oder sich ahnungslos gestellt haben, kostet sie jedoch Glaubwürdigkeit. Dabei war diese Taktik völlig unnötig, denn mit der Entdeckung des Patentantrages hat Greenpeace tatsächlich ein wichtiges Argument geliefert – wenn auch nicht eines im Streit um das Patentrecht. Schlüssel ist das im Antrag geschilderte Experiment, das zu den Mischwesen-Schlagzeilen führte: Mit 15 Worten und einer kurzen Tabelle beschreiben die Firmen, dass sie Kerne aus einer menschlichen fötalen Zelllinie mit „entkernten“ Schweine-Eizellen verschmolzen haben. Von sieben solcher Mensch- Schwein-Eizellen haben sich zwei bis ins 16- bzw. 32-Zell-Stadium geteilt. Wie sind solche Wesen einzuordnen?
Greenpeace benutzte die Suggestion an Mythen wie Minotaurus und Satyr, auch wenn die Analogie biologisch falsch ist: Mischwesen entstehen, wenn Erbgut zweier Arten kombiniert wird. In den Experimenten war das Schweine-Erbgut aber entfernt worden. Und die Firmen bestreiten, dass die verwendete Zelllinie das Potenzial hatte, einen Menschen hervorzubringen. Greenpeace versucht auch, das „Mischwesen“-Experiment gegen das Europäische Patentrecht zu wenden. Für diesen Versuch gebe es keinerlei medizinische Begründung, so Then, er sei nur gemacht worden, um vorsorglich das Patent beantragen zu können. Seine Schlussfolgerung: Ohne Aussicht auf Patente gäbe es solche Experimente nicht.
Doch hier liegt vermutlich die Fehleinschätzung. Es gibt durchaus eine fatale Logik, warum es aus Firmensicht Sinn macht, menschliches Erbgut in Eizellen von Schweinen zu übertragen – oder in die von Rindern, wie es eine andere US-Firma 1998 erprobt hat. Die Logik liefert das „therapeutische Klonen“: Denn das Verfahren, das sich die beiden Firmen in Europa patentieren lassen wollten, lässt sich dazu verwenden, aus Körperzellen eines Kranken durch Klonen einen Embryo zu erzeugen, dessen Stammzellen dann zur Behandlung seiner Krankheit verwendet werden können.
Auch beim therapeutischen Klonen braucht man Eizellen; sollte die Technik einmal erfolgreich sein, dann braucht man sehr viele Eizellen. Da menschliche Eizellen dann mit Sicherheit rar sein werden, ist die Idee, massenhaft verfügbare tierische Eizellen als Empfänger zu erproben, aus Firmensicht schlicht zwangsläufig. Von biologisch begründeten Zweifeln, ob solche Artengrenzen überschreitenden Versuche erfolgreich sein könnten, lassen sich die Firmen jedoch nicht abschrecken.
Für das Aufspüren des Patentantrages ist Greenpeace zu danken. Aber fixiert auf die eigene Anti-Patent-Kampagne, haben die Umweltaktivisten die eigentliche Bedeutung übersehen: In Wahrheit zeigt der Patentantrag, wie schlüpfrig die Rutschbahn ist, auf die das therapeutische Klonen führt. Klaus Koch
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