ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2000Armut und Gesundheit: „Ärzte müssen ihr Wissen mit den Patienten teilen“

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Armut und Gesundheit: „Ärzte müssen ihr Wissen mit den Patienten teilen“

Dtsch Arztebl 2000; 97(41): A-2684 / B-2306 / C-2142

Endres, Alexandra

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LNSLNS Arme sind tendenziell kränker als Wohlhabende.
Gerade für sie müssten sich Ärzte mehr Zeit nehmen,
fordert der Sozialforscher Dr. Dietrich Engels.


Wie sind Armut und Reichtum messbar? Eine Studie aus Köln, die der Bundesregierung zur Vorbereitung eines Armuts- und Reichtumsberichts dienen soll, gibt darauf verschiedene Antworten. Maßgeblich an ihr beteiligt war Dr. Dietrich Engels, Geschäftsführer der ISG Sozialforschung und Gesellschaftspolitik GmbH.

Deutsches Ärzteblatt: Herr Dr. Engels, wer ist in Deutschland arm?
Engels: Das kommt darauf an, nach welchem Konzept man Armut misst. Es gibt den Ressourcenansatz, bei dem die finanzielle Situation der Menschen entscheidend ist. Der Lebenslagenansatz hingegen konzentriert sich auf nicht-monetäre Aspekte; ganz wichtig ist auch die Gesundheit. Wir haben uns mit beiden Ansätzen beschäftigt und auch nach Zusammenhängen zwischen beispielsweise Wohnungsproblemen und finanzieller Armut, Gesundheit und finanzieller Armut oder Gesundheit und Bildungsdefiziten gesucht.

DÄ: Können Sie Personenkreise benennen, die in Deutschland als arm zu betrachten sind?
Engels: In Bezug auf die monetäre Seite kann die Sozialhilfe als Maßstab dienen. Es gibt Armut in der Sozialhilfe, neben und über ihr. Familien, die lange Zeit von Sozialhilfe leben, müssen sich sehr einschränken. Die Armut neben der Sozialhilfe betrifft Menschen, die zwar ein Recht auf staatliche Hilfe haben, es aber nicht in Anspruch nehmen. Über der Sozialhilfe sind diejenigen arm, die nur wenig mehr als den Sozialhilfesatz verdienen. Zu den finanziellen kommen nichtmonetäre Probleme. Alleinerziehenden Müttern fehlt es zum Beispiel an Unterstützung bei der Erziehung ihrer Kinder. Wohnungslose sind nicht nur aufgrund ihres fehlenden Einkommens schwer in die Gesellschaft zu integrieren. Psychische Krankheiten können hier eine Rolle spielen, eine depressive Haltung oder Schwierigkeiten der sozialen Integration.

DÄ: Abgesehen von Obdachlosen, bei denen der Zusammenhang offensichtlich ist: Sind Arme kränker als Wohlhabende?
Engels: Wenn man von Wohnungslosen absieht, ist der Zusammenhang zwischen Armut und Gesundheit schwer zu analysieren. Dazu bedürfte es lange angelegter Studien. In der Literatur finden sich aber Hinweise auf einen Zusammenhang. Eine Studie aus Stuttgart* ergab etwa, dass Angehörige unterer Berufsgruppen in vielerlei Hinsicht gesundheitlich sehr viel stärker beeinträchtigt und gerade von chronischen Leiden stärker betroffen sind als andere.

DÄ: Lässt sich das auf Umwelteinflüsse oder eine ungesunde Lebensweise zurückführen?
Engels: Das sind Faktoren, die man nennen kann. Eine ungesunde Lebensweise hängt auch mit dem sozialen Status zusammen, weil dieser wiederum das Bildungsniveau oder die Inanspruchnahme von Vorsorgemöglichkeiten beeinflusst. Hinzu kommen exogene Belastungen, etwa durch Umweltfaktoren: Schlechte Wohngegenden sind häufig stärker mit Schadstoffen belastet, gering entlohnte Arbeiter müssen oft am Arbeitsplatz mit Schadstoffen umgehen, körperlich schwere oder unfallträchtige Tätigkeiten verrichten. Es lässt sich aber schlecht in Zahlen ausdrücken, inwieweit zum Beispiel das Bildungsniveau unmittelbar kausal mit dem Gesundheitszustand zusammenhängt.

DÄ: Wie kann es sein, dass in einem Gesundheitssystem die Versorgung von Armen schlechter ist als die von Wohlhabenden?
Engels: Im internationalen Vergleich ist das deutsche Gesundheitssystem sehr weit entwickelt und wendet sich sehr gleichmäßig an verschiedene Bevölkerungsgruppen – das ist gar keine Frage. Nur haben wir auf der anderen Seite auch ein gewisses Maß an Eigenbeteiligung. Die ganz Armen wie Sozialhilfeempfänger trifft das nicht, weil sie von den Eigenleistungen befreit sind. Knapp oberhalb der Sozialhilfegrenze spielt eine solche Eigenbeteiligung aber sehr wohl eine Rolle. Differenzen gibt es zudem bei den Vorsorgeuntersuchungen: Obwohl das Angebot für alle besteht, nehmen es ärmere Patienten seltener in Anspruch. Man kann daneben die Frage stellen, ob es nicht auch bei der Behandlung selbst Statusunterschiede gibt. Ärzte nehmen sich bekanntermaßen mehr Zeit und Energie für Privatpatienten – es ist nicht unwahrscheinlich, dass auch zwischen den Kassenpatienten je nach Status unterschieden wird, obwohl sich das schwer nachweisen lässt.

DÄ: Könnte es sein, dass es in manchen Fällen ein Verständigungsproblem zwischen Arzt und Patient gibt?
Engels: Dazu gibt es keine Untersuchungen; es wäre aber möglich. Ein Patient, der seine Krankheitssymptome eloquent zusammenfassen kann, leistet eine bessere Zuarbeit als einer, dem der Arzt die Informationen aus der Nase ziehen muss. Auch die höhere Müttersterblichkeit unter ausländischen Frauen könnte darauf zurückzuführen sein; sie könnte aber genauso gut durch andere kulturelle Gewohnheiten verursacht werden. Vielleicht haben viele mehr Vertrauen in die Behandlung durch Familienangehörige und wenden sich zu spät an den Arzt.

DÄ: In der gesundheitspolitischen Debatte taucht immer wieder das Konzept des mündigen, selbstverantwortlichen Patienten auf, der seinen Gesundheitszustand selbst beurteilen kann und deshalb auch selbst weiß, welche Art von Kran­ken­ver­siche­rung er braucht. Kann der Patient das wissen?
Engels: Wenn sich jeder Patient für bestimmte Risiken selbstverantwortlich versichern könnte, würde er eine möglichst günstige Police auswählen. Sobald er an einer nicht versicherten Krankheit litte, wäre er wieder ein Sozialhilfefall – und die Kosten für seine Behandlung müsste auch der Staat zahlen. Das finde ich überhaupt nicht sinnvoll. Die gegenwärtige Wahlfreiheit und den Wettbewerb unter den Krankenkassen hingegen halte ich für positiv. Noch unterscheiden sich die Leistungen nicht allzu sehr. Die Kompetenz der Patienten hat allerdings seit den 70er-Jahren durch die Selbsthilfegruppen in einer Weise zugenommen, wie das bei einem reinen Patienten-Arzt-Kontakt nicht möglich war. Das hat seine Grenzen dort, wo eine professionelle Kompetenz nicht ersetzt werden kann. Hier müssten die Ärzte ihr Wissen stärker als bisher an die Patienten weitergeben. Viele bemühen sich sicher, Diagnosen verständlich zu vermitteln. Viele arbeiten aber auch sehr rasch und nehmen die Kommunikation mit dem Patienten weniger wichtig.
DÄ-Fragen: Alexandra Endres

*Ernst-Ulrich Huster: Gesundheit – Risiken und
Unterversorgung, aus: Diether Döring u. a.: Armut im Wohlstand, Frankfurt/Main 1990
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