ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2000Psychotherapie: Kein stichhaltiger Wirksamkeitsnachweis

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Psychotherapie: Kein stichhaltiger Wirksamkeitsnachweis

Dtsch Arztebl 2000; 97(41): A-2697 / B-2299 / C-2163

Weinberger, Friedrich

Zu der Bekanntmachung des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie: „Gutachten zur Neuropsychologie als wissenschaftlichem Psychotherapieverfahren“ in Heft 33/200:
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LNSLNS Vor der American Psychoanalytic Academy führte Dr. Alan Stone, ehemaliger Präsident der American Psychiatric Association, am 9. Dezember 1995 aus, es gäbe für Gläubige wie ihn selbst „viele Gründe, um desillusioniert zu werden. Freud ist in vielen intellektuellen Zirkeln ein Vier-Buchstaben-Begriff geworden . . . Leo Rangell, ein eminenter Mann aus unserer Mitte, ein ehemaliger Präsident der American Psychoanalytic, beschrieb, wie er die schmerzliche Lektion zu lernen bekam, als ihn etwa eine potenzielle Patientin der Art, wie sie früher zu ihm geströmt waren, beschied, die Behandlung nicht länger zu suchen, weil sie gehört habe, dass er Freudianer sei. Rangell beklagte sich bitter über seine Analytiker-Kollegen, die das sinkende Schiff schon verließen . . .“ (www.harvard-magazine.com/issues/jf97/original.html).
In Heft 33/2000 schrieben nun Prof. Dr. S. O. Hoffmann, Mediziner und Freu-dianer, sowie Prof. Dr. J. Margraf, Psychologe und Verhaltenstherapeut, für den Wissenschaftlichen Beirat der Bundes­ärzte­kammer, es sei eine „gesundheitspolitische Notwendigkeit“ an die Psychotherapie, „ähnliche Evaluationsanforderungen zu stellen“ wie etwa an die Pharmakotherapie. Manche schon haben die Notwendigkeit festgestellt, wurden dafür nur viel gescholten, wohl weil sie die anschließende „Logik“ der Autoren nicht mehr teilten, die da lautet: „Es darf nicht zu einem Stillstand der Entwicklung (der Psychotherapie) kommen, weil einerseits hohe Qualitätsanforderungen an den Wirksamkeitsnachweis gestellt werden müssen, andererseits aber die Mittel fehlen, diesen Forderungen gerecht zu werden.“ Und etwas später noch deutlicher, es müssten „dringend die Voraussetzungen geschaffen werden, um die erforderliche Evaluationsforschung auch durchführen zu können“, was doch eher heißt, dass es auch für die seit 30 Jahren bereits kassenärztlich praktizierte Freudsche Psychotherapie nie zu einer ernsthaften Evaluationsprüfung reichte, es auch für sie bis heute keinen stichhaltigen Wirksamkeitsnachweis gibt.
Mit politischer Intelligenz sind wir deutschen Ärzte wohl besonders gesegnet. In unserer Berufsgruppe gab es seinerzeit die meisten Nazis. Und während jenseits des Teichs bereits Auffassungen wie die anfangs zitierten zirkulierten, erhoben hierzulande unsere Delegierten, keineswegs nur die von der rot-grünen „demokratischen“ Fraktion, einmalig auf der Welt, ungeprüfte Pseudowissenschaft zum ärztlichen Fachgebiet! Wäre es selbst einer den (Fach-)Ärzten wohlgesonnenen Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin zu verdenken, wenn sie sie jetzt für den englischen „Vier-Buchstaben-Stoff“ („sh . .“) zahlen ließe?
Dr. med. Friedrich Weinberger, Maximilianstraße 6, 82319 Starnberg
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