ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2000Mammakarzinom: Erster Antikörper für die Therapie eingeführt

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Mammakarzinom: Erster Antikörper für die Therapie eingeführt

Dtsch Arztebl 2000; 97(41): A-2726 / B-2198 / C-1998

Leinmüller, Renate

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LNSLNS In Zukunft werden Karzinome molekularbiologisch definiert werden und nicht mehr nach Organspezifität. Denn die Therapie wird sich an den biologischen Eigenschaften der Karzinomzellen orientieren und gezielt gegen Rezeptoren, Antigene und wachstumsfördernde Faktoren der Krebszellen richten. Diesen Hoffnungen haben Experten bei der Einführung von Herceptin® (Hoffmann-La Roche) in Frankfurt Ausdruck gegeben.
Als humanisierter monoklonaler Antikörper eröffnet der Wirkstoff Trastuzumab eine neue Ära in der Karzinomtherapie, obwohl bisher allein zur palliativen Behandlung des metastasierten Mammakarzinoms zugelassen. Aufgrund seiner selektiven Wirkung auf diejenigen Karzinomzellen, die den Re-zeptor für den Wachstums-faktor HER2 überexprimieren und dadurch als besonders aggressiv eingestuft werden, greift das neue Medikament auch bei ruhenden Krebszellen.
Dies wiederum eröffnet theoretisch eine adjuvante Primärtherapie mit der Hoffnung, Mikrometastasen an-zugehen oder gar eine Metastasierung zu verhindern. Da eine Überexpression des Rezeptors nicht nur bei Brustkrebs nachgewiesen ist, son-dern auch bei verschiedenen anderen Malignomen, werden Zulassungsstudien bei nichtkleinzelligem Bronchialkarzinom, bei Blasen-, Ovarial- und Pankreaskarzinomen vorbereitet.
Trastuzumab bindet spezifisch an den HER2-Rezeptor auf der Oberfläche der Zellen, indem zwei Rezeptoren „besetzt“ und dann internalisiert werden – Wachstumssignale stoßen auf „taube Ohren“. Zusätzlich wird nach Angaben von Prof. Axel Ullrich (Martinsried) das Immunsystem aktiviert, die natürlichen Killerzellen verstärkt und darüber eine Destruktion der Krebszellen gefördert. Im Gegensatz zur Chemotherapie bewirkt Herceptin keine Schädigungen an anderen, sich teilenden Zellen und geht deshalb nicht mit den bekannten Nebenwirkungen der Chemotherapie einher.
Prof. Fritz Jänicke (Hamburg) bezeichnete die Therapie mit Trastuzumab als gut verträglich: Bei einem Teil der Patientinnen hat der Kliniker leichte, grippeähnliche Symptome beobachtet. Die einzige schwerwiegende Nebenwirkung ist das Risiko einer Kardiotoxizität, das in den Zulassungsstudien insbesondere in Kombination mit Anthracyclinen aufgetreten ist. Eine differenzierte kardiale Abklärung ist nach Jänicke vor der Therapie deshalb unverzichtbar.
Zugelassen ist der Wirkstoff jetzt zur Therapie des metastasierten, HER2-positiven Mammakarzinoms, wobei in Kombination mit der üblichen Chemotherapie eine signifikant verlängerte Überlebenszeit erreicht wird. Für die palliative Behandlung wurden außerdem mehrere Studien zur Primärtherapie gestartet, in denen Herceptin entweder in Kombination mit Doxetaxel in unterschiedlichen Regimen oder aber (zur Abklärung der kardialen Sicherheit) anthracyclinhaltiger Chemotherapie eingesetzt wird. Bei bereits vorbehandelten Patientinnen werde darüber hinaus eine Monotherapie mit Trastuzumab geprüft, weitere Kombinationen zur Erstbehandlung umfassten die Kombination mit Navelbine oder einem oralen Aromatase-Inhibitor, sagte Jänicke.
Für die Zukunft erhofft sich der Experte jedoch einen früheren Einsatz des Antikörpers, nämlich in der adjuvanten Primärtherapie des primär nicht metastasierten Brustkrebses – derzeit etwa 55 bis 60 Prozent der Neudiagnosen. Rund 25 bis 30 Prozent dieser Mammakarzino-me sind HER2-positiv. Doch auf der Oberfläche der disseminierten Tumorzellen in den Knochenmarkbiopsaten dieser Patientinnen haben die Hamburger Kliniker in einem Drittel der Fälle den HER2-Rezeptor nachgewiesen, also in einem viel höheren Prozentsatz als im Primärtumor.
Blockade eines Signalweges
Durch die adjuvante Gabe des Antikörpers, so spekulierte Jänicke, könnte deshalb frühzeitig in den systemischen Prozess eingegriffen und so einer Metastasenbildung entgegengewirkt werden. Die Kosten für diese Behandlung (etwa 1 800 DM pro Woche) werden von den Kassen nicht übernommen.
Ob es gelingt, allein über die Blockade dieses einen Signalweges der Krebszellen eine Progression aufzuhalten, muss sich zeigen – zumal sich die HER2-positiven Fälle nicht mit denjenigen decken, die vermehrt einen anderen „Aggressionsmarker“ (Plasminogenaktivator vom Urokinasetyp und seinen Inhibitor) aufweisen, der ebenfalls mit einer schlechteren Prognose einhergeht. Dr. Renate Leinmüller
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