ArchivDÄ-TitelSupplement: Geldanlage-MagazinGeldanlage 2/2000Aktienmarkt: Verzweifeltes Warten auf die Herbstrallye

Supplement: Geldanlage

Aktienmarkt: Verzweifeltes Warten auf die Herbstrallye

Dtsch Arztebl 2000; 97(41): [3]

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LNSLNS Die Blätter fallen – doch bei den Aktien hoffen viele noch auf eine Hausse. „Börsebius“ ist skeptisch. An eine generelle Markterholung glaubt er nicht.


Eifrige Partygänger haben längst bemerkt, dass Aktien nicht mehr das Gesprächsthema Nummer eins sind. Noch zu Jahresbeginn protzten ganz besonders Schlaue mit ihren exorbitanten Gewinnen. Leute, die ihr Geld nicht mit Aktien verdienten, wurden mitleidig belächelt. Mittlerweile starren nicht wenige Neubörsianer auf enorme Verlustlöcher und erhoffen sich ein mittleres Börsenwunder, um möglichst heil aus dem Wertpapierkredit herauszukommen.
Fast schon egal, welches Börsensegment man in Augenschein nimmt – es wäre eigentlich besser gewesen, zu Jahresbeginn nicht den optimistischen Aktienprognosen zu vertrauen, sondern sein Geld auf sicheren Festgeldkonten zu parken. Zugegeben, es ist psychologisch gesehen sehr schwierig, sich mit ein paar Prozentchen zu begnügen, wenn alle Welt von zweistelligen Gewinnmöglichkeiten spricht. Aber es wäre wirklich die bessere Alternative gewesen. Wer erst zu Beginn des zweiten Halbjahres eingestiegen ist, muss sogar auf
eine noch schlechtere Bilanz zurückblicken (siehe Tabelle).
Heißluftballon für Anleger: der NEMAX-50
Besonders hart traf es die Akteure am so genannten Neuen Markt. Der NEMAX-50 zündete ein furioses Frühjahrsfeuerwerk, das dann aber ziemlich kläglich verpuffte. In zu vielen Unternehmen dieser (vermeintlichen) Wachstumsbranche wurde zu viel heiße Luft produziert und zu wenig Substanz. Es wäre verkehrt, alle Unternehmen des Neuen Marktes über einen Kamm zu scheren. Aber mittlerweise ist die Zahl der Konsorten zu groß, die sich lediglich mit Schönreden hervortun, während Umsätze und Gewinne bei weitem nicht den Planzahlen entsprechen.
Jüngstes erschreckendes Beispiel: die Metabox AG. Als der Vorstandsvorsitzende Stefan Domeyer jüngst verkündete, die Umsätze würden nicht wie geplant 198, sondern lediglich 70 Millionen DM betragen, und es käme auch kein Gewinn von 15 Millionen DM zustande, sondern lediglich ein Verlust von 14 Millionen DM, da sauste der Aktienkurs an einem einzigen Börsentag um mehr als 40 Prozent nach unten. Die Anleger, ohnehin misstrauisch geworden, ob es die kolportierten Großaufträge im dreistelligen Millionenbereich auch wirklich gäbe, flüchteten in Scharen aus dem Papier. Wer Aktionäre so zum Narren hält, muss sich nicht wundern, wenn ihm das Vertrauen entzogen wird.
Bei der Anlegerverdummung tun sich indes noch andere hervor. Bei Infomatec wurden die Börsianer immer wieder mit Informationen über Großaufträge erfreut, die am Ende keine waren. Auch das Inkassounternehmen Abit musste vollmundige Umsatz- und Ergebnisprognosen drastisch nach unten korrigieren.
Aber selbst bei den großen deutschen DAX-Werten müssen sich die Anleger mit einer Enttäuschung nach der anderen herumplagen. Das Kursfiasko bei DaimlerChrysler scheint kein Ende zu nehmen. Die Stuttgarter befinden sich in einem kontinuierlichen Abwärtstrend; mit einem Kurs von 55 Euro ist fast ein Vierjahrestief erreicht. Im Nachhinein kann man die Fusion nur als Fehlentscheidung bewerten, ziehen doch die Umsatz- und Ertragszahlen aus Nordamerika die Gewinnrechnung von DaimlerChrysler beharrlich nach unten.
Besonders arg erwischte es aber die Deutsche Telekom AG und mit ihr alle Aktionäre, die allzu blauäugig den vollmundigen Versprechungen folgten. Der Aktienkurs erreichte im Jahresverlauf sage und schreibe 104 Euro, um dann gnadenlos auf mittlerweile 38 Euro abzustürzen. Für einige Beobachter kam dieses Debakel nicht unerwartet. Es waren der völlig überteuerte Kauf des amerikanischen Mobilfunkunternehmens Voicestream (104 Milliarden US-Dollar) und dann die Führungsquerelen um die Telekom-Tochter T-Online, die den Kurs so drastisch nach unten brachten. Von ihrem im März erzielten Allzeithoch liegt sie mittlerweile 63 Prozent entfernt. Ein Drama für einen großen deutschen Standardwert.
Hausse im Herbst: Analysten tragen rosarote Brillen
Die meisten Analysten rechnen für den Herbst mit steigenden Kursen. Aber das will nicht viel heißen. Immerhin hatten die meisten Experten auch zum Jahresauftakt rosarote Brillen auf. Entscheidend wird wohl sein, wie sich der Marktzins entwickelt. Steigen die Zinsen weiter, werden Festverzinsliche im Vergleich zu Aktienanlagen attraktiver. Überdies haben Unternehmen dann höhere Zinskosten zu verkraften, was auf die Gewinne drücken dürfte.
Auf eine generelle Erholung des Marktes zu setzen, halte ich für eher problematisch. Siemens, Daimler und Telekom sind in meinen Augen immer noch kursabschlaggefährdet. Favorisieren würde ich eher konjunkturzyklische Titel, darunter vor allem FAG Kugelfischer. Die Aktien der RWE AG gefallen mir aber auch recht gut.
Am Neuen Markt habe ich indes ganz erhebliche Zweifel, ob es zu einem guten Jahresschluss kommen kann. Abgesehen von der zunehmenden Kaltschnäuzigkeit, mit der manche AG ihre Informationspflichten vernachlässigt und Pressemeldungen lediglich als Propagandainstrument missbraucht, stehen etliche der 300 Gesellschaften am Neuen Markt nicht auf gesunden Beinen. Mit Gigabell hat bereits das erste Unternehmen Schiffbruch erlitten, was nichts Gutes verheißt. Andere werden folgen. Hiobsbotschaften werden also immer wieder für Kurseinbrüche sorgen und Erholungsansätzen den Garaus machen. RR


´Tabelle
Tristesse allerorten
Aktienindex Veränderung in Prozent seit
30. 6. 2000 Ultimo 12/99
DAX –  1,7 –  2,5
DAX-100 –  0,3 +  1,4
NEMAX-50 – 13,0 +  1,5
EURO-Stoxx –  4,4 +  0,3
Dow Jones +  1,1 –  7,6
Nasdaq Composite –  7,8 – 10,1
Nikkei – 10,2 – 17,5
Quelle: Rompress Köln
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