ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2000Chlamydien und Herzinfarkt: Studie bezweifelt Wert von Antibiotika

AKTUELL: Akut

Chlamydien und Herzinfarkt: Studie bezweifelt Wert von Antibiotika

Dtsch Arztebl 2000; 97(42): A-2737 / B-2333 / C-2193

Koch, Klaus

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LNSLNS Können Antibiotika einem Herzinfarkt vorbeugen? Seit etwa fünf Jahren spekuliert man über einen Zusammenhang zwischen dem Bakterium Chlamydia pneumoniae und Herzkrankheiten. Nun sorgt die erste größere Studie für Ernüchterung: Wenn Antibiotika überhaupt einen Effekt auf Herzkrankheiten haben, dann ist er vermutlich deutlich kleiner, als es mancher Arzt bislang gehofft hatte. Diese Schlussfolgerung stammt aus einer randomisierten Doppelblind-Studie an 302 chronisch koronarkranken Amerikanern – zwei Drittel hatten bereits einen Infarkt überlebt –, bei denen zusätzlich erhöhte Antikörper-Titer auf eine Infektion mit Chlamydien hinwiesen (Circulation 2000; 102: 1755). 150 Patienten erhielten drei Monate lang Azithromycin, 152 Patienten schluckten Placebo-Kapseln. Dann hat die Ärztegruppe um Joseph Muhlestein vom LDS Hospital in Salt Lake City zwei Jahre lang das Schicksal der Patienten verfolgt. In der Zeit kam es bei 28 Patienten der Antibiotika-Gruppe zu einem weiteren klinischen Ereignis, wie etwa Herzinfarkt oder ungeplanten Revaskularisierungen, fünf starben. Von den Patienten, die Placebo bekommen hatten, erlebten 35 eine akute Verschlechterung ihrer Krankheit, vier starben. „Der Unterschied war nicht signifikant“, schildert Muhlestein: „Das legt nahe, dass man von der Antibiotika-Therapie bei diesen Patienten keine dramatischen Effekte erwarten darf.“

Die Ergebnisse widersprechen zwei kleineren Studien, die vor drei Jahren Hoffnungen ausgelöst hatten. Britische Ärzte hatten 1997 bei 60 Patienten eine Reduktion von Komplikationen durch Antibiotika um 70 Prozent beschrieben; eine argentinische Gruppe schilderte in einer Studie an 200 Patienten, dass die Therapie in den ersten vier Wochen nach einem Infarkt die Gefährdung deutlich verringert hatte, wenn der Effekt anschließend auch nachzulassen schien. Muhlestein, der einer der ersten Forscher war, die Spuren von Chlamydien in den Gefäßen von Herzkranken nachgewiesen haben, hält das negative Ergebnis seiner Studie jedoch noch nicht für die endgültige Antwort: „Möglich bleibt, dass Antibiotika die Rate der Komplikationen um 20 bis 30 Prozent verringern.“

Um diesen schwächeren Effekt nachzuweisen, hätte die Studie etwa zehnmal mehr Patienten einschließen müssen. Manche Forscher vermuten zudem, dass Chlamydien nur in bestimmten Phasen im Verlauf einer Koronarkrankheit aktiv sind – Antibiotika würden dann nur ausgewählten Patientengruppen nutzen. Verlässlichere Antworten sollen weitere bereits laufende Studien an zusammen über 11 000 Herzkranken geben, deren Ergebnisse allerdings erst in etwa drei Jahren vorliegen werden. So lange gelte, sagt Muhlestein, dass es „keine Indikation für Antibiotika bei Herzkranken gibt“. Klaus Koch
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