ArchivDeutsches Ärzteblatt42/200053. Bayerischer Ärztetag in Amberg: Offensive für Vertrauen

POLITIK

53. Bayerischer Ärztetag in Amberg: Offensive für Vertrauen

Dtsch Arztebl 2000; 97(42): A-2750 / B-2344 / C-2199

Schmidt, Klaus

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LNSLNS Auf die Kritik an der Gesundheitsreform 2000 folgten Beschlüsse zur Berufsordnung und zur Fortbildung.

Rationierung gehört seit dem In-Kraft-Treten des Gesundheitsreformgesetzes 2000 zum Alltag in Praxis und Klinik. In dieser Aussage waren sich Bayerns Lan­des­ärz­te­kam­mer-Präsident Dr. med. H. Hellmut Koch und Sozialministerin Barbara Stamm (CSU) bei der Eröffnung des 53. Bayerischen Ärztetags Anfang Oktober in Amberg einig. Die Staatsministerin forderte die Bundesregierung zu grundlegenden Korrekturen in der Gesundheitspolitik auf. Ihre Amtskollegin in Berlin möge sich die wachsende Unzufriedenheit der Leistungserbringer, die Proteste der Versicherten und die finanzielle Situation der Krankenkassen vor Augen führen und die ordnungs- und gesundheitspolitischen Webfehler der letzten Gesundheitsreform beseitigen. „Es knistert nicht mehr, es kracht schon im Gebälk des Gesundheitswesens. Die Budgetierungspolitik, deren Asche längst im Meer versunken sein sollte, erlebt eine fast schon gespenstische Wiederauferstehung“, kritisierte die CSU-Politikerin.
Koch mahnte, die hippokratische Ethik dürfe nicht zu einer Finanzierungsgröße werden. „Wir dürfen nicht zulassen, dass die Politik unsere ethischen Einstellungen ausnützt und uns zum ,billigen Jakob‘ im Gesundheitswesen macht.“ Die Diskussion um die künftige Finanzierung des Gesundheitswesens zeige, dass es ein Irrweg sei, zu glauben, das System zentralistisch durch den Gesetzgeber steuern zu können. „Paragraphen ändern keine Mentalität.“ Koch rief vielmehr zu einer Offensive für Vertrauen auf: Vertrauen für die Patienten, bei der Politik, um zu einem sinnvollen Dialog zu kommen, bei den Kassen, um den Dialog aufrechtzuerhalten, und nicht zuletzt unter den Ärztinnen und Ärzten sowie deren Selbstverwaltungen.
Die 180 Delegierten (für rund 60 000 Ärzte) haben die bayerische Berufsordnung infolge des Beschlusses zur (Muster-)Berufsordnung des 103. Deutschen Ärztetags 2000 in Köln geändert. Ein kleiner Unterschied zu dem Kölner Muster: Was an Inhalt, Form und Umfang der Informationen für Praxisschilder, Anzeigen, Verzeichnisse, Patienteninformationen in Praxisräumen und öffentlich abrufbaren Arztinformationen in Computer-Kommunikationsnetzen erlaubt ist, gilt auch für Ankündigungen auf Briefbögen, Rezeptvordrucken, Stempeln sowie im sonstigen beruflichen Schriftverkehr.
Fortbildung zertifiziert
Ebenfalls gebilligt wurde die Einführung eines Fortbildungszertifikats auf freiwilliger Basis. Getestet wurde das Projekt von April 1998 bis April 2000 in einer Modellphase, die jetzt bis Ende dieses Jahres verlängert wurde. Der niedrigschwellige Einstieg mit 20 Fortbildungspunkten je Jahr und einer pragmatischen, serviceorientierten Handhabungsweise brachte Akzeptanz. Mit steigender Tendenz haben während des Modell-Laufs 3 108 bayerische Ärztinnen und Ärzte ein Fortbildungszertifikat erworben. Ähnliche Modelle bestehen auf Bundes- und europäischer Ebene.
Wegen der europäischen Harmonisierungstendenzen hinsichtlich der Anerkennungsverfahren zur Ausfertigung von Fortbildungszertifikaten mussten für die Weiterführung der Zertifizierung einige Modifikationen beschlossen werden. Ab 1. Januar 2001 gilt, dass ein Fortbildungszertifikat ausgestellt wird, wenn der Arzt in drei Jah-ren 150 Fortbildungspunkte erworben sowie dokumentiert und einen Antrag bei der Bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer gestellt hat.
Ein Fortbildungs-Punkt entspricht einer abgeschlossenen Fortbildungsstunde (45 Minuten). Für strukturierte interaktive Fortbildung via Internet, CD-ROM oder Fachzeitschriften mit nachgewiesener Qualifizierung und schriftlicher Auswertung des Lernerfolgs gibt es einen Punkt je Übungseinheit, höchstens 30 Punkte innerhalb von drei Jahren. Das Fortbildungszertifikat darf in den Praxisräumen sowie in den Praxisinformationen im Wartezimmer oder auf der Homepage im Internet bekannt gemacht werden.
Koch demonstrierte den Delegierten das neue Patienteninformationssystem der Bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer. Es sei in dieser Form einmalig, da es nicht nur den Zugang zu bereits bestehenden Homepages der bayerischen Ärztinnen und Ärzte eröffne, sondern mit einem Navigationssystem ausgestattet sei. Patienten können über die Internet-Adresse www.arzt-bayern.de einen „Arzt in Ihrer Nähe“ finden – ein Angebot, das in den ersten vier Wochen bereits zu mehr als 27 000 Suchanfragen führte. Klaus Schmidt


Dr. med. H. Hellmut Koch: „Wir dürfen nicht zulassen, dass uns die Politik zum billigen Jakob im Gesundheitswesen macht.“


Barbara Stamm: „Die Budgetierungspolitik feiert eine gespenstische Wiederauferstehung.“
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