ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2000Kinder- und Jugendpsychiatrie: Angemessene BehandlungKinder- und Jugendpsychiatrie

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Kinder- und Jugendpsychiatrie: Angemessene BehandlungKinder- und Jugendpsychiatrie

Dtsch Arztebl 2000; 97(42): A-2752 / B-2346 / C-2201

Bühring, Petra

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LNSLNS Der Bedarf an Fachärzten für psychisch kranke und verhaltensgestörte Kinder ist erst zur Hälfte gedeckt. Das Problem liegt in der Weiterbildung.

Rund eine Million (fünf Prozent) der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind epidemiologischen Studien zufolge psychisch oder psychosomatisch krank und benötigen eine Behandlung. Im ambulanten Bereich ist der Versorgungsbedarf jedoch erst zur Hälfte gedeckt. Darauf wies Dr. med. Christa Schaff, Vorsitzende des Berufsverbands der Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie e.V. auf der Jahrestagung Ende September in Berlin hin. Zurzeit stehen nur 500 Fachärzte zur Verfügung, die sich mit immer komplexeren Krankheitsbildern auseinander setzen wie zum Beispiel Ängsten und Zwängen, schweren Entwicklungsstörungen, Essstörungen und Suchterkrankungen, hyperkinetischen Störungen oder manisch-depressiven und schizophrenen Psychosen.
„Psychisch kranke Kinder und Jugendliche dürfen nicht länger Stiefkinder des Gesundheitswesens sein; sie haben ein Recht auf angemessene Behandlung“, betonte Schaff. Dies könne nur gewährleistet werden, wenn die Zahl der Kinder- und Jugendpsychiater im ambulanten Bereich auf mindestens 1 000 wachse. Das Problem liegt in der fachärztlichen Weiterbildung. Einerseits sei es für niedergelassene Fachärzte schwierig, Weiterbildungsassistenten zu finden: Der Beruf habe wegen der niedrigen Einkommen an Attraktivität verloren. Zwischen 1999 und 2000 sei das Einkommen um zehn bis 30 Prozent gesunken. Grund: extrem gefallene Punktwerte für nicht genehmigungspflichtige Leistungen in der Psychotherapie.
Andererseits wurden die niedrigen Einkommen für die Fachärzte wiederum zum Problem, Weiterbildungsassistenten zu beschäftigen. Bereits auf dem Deutschen Ärztetag 2000 in Köln forderte ein Entschließungsantrag die Regierungen der Bundesländer und die Krankenkassenverbände auf, den Ausbau von Weiterbildungs-Arbeitsplätzen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie zu fördern.
Weiter beklagt der Berufsverband, dass sich die meisten Primärkassen bisher nicht der Sozialpsychiatrie-Vereinbarung angeschlossen haben. 200 sozialpsychiatrische Praxisteams, bestehend aus Facharzt, Heilpädagoge und Sozialarbeiter, bieten ein interdisziplinäres Versorgungsnetz. Dadurch ist es unter anderem möglich, neben der Familie des erkrankten Kindes auch das soziale Umfeld in die Behandlung zu integrieren. Die Sozialpsychiatrie-Pauschale in Höhe von 320 DM je Patient und Quartal wird bislang bundesweit nur von den Ersatzkasssen gezahlt.
„Doch gerade Familien, die besonders einer solchen Unterstützung bedürfen, sind Primärkassen-Versicherte“, erklärt Christa Schaff. Die bayerischen Primärkassen forderte der Verband auf, die zum 31. März 2001 ausgesprochene Kündigung der Vereinbarung zurückzunehmen. Die Begründung für die Kündigung, dass die Evaluation der Maßnahmen fehle, sei „unfair“. Schließlich sei es die Aufgabe der Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen, eine Evaluation zu formulieren und den wissenschaftlichen Nachweis zu realisieren.
Für Kinder fehlen geeignete Medikamente
Für die Behandlung schwerer Infektionskrankheiten, bösartiger Tumoren und psychischer Erkrankungen bei Kindern gebe es kaum geeignete Medikamente. Das stelle ein großes Problem dar, erklärte Prof. Dr. med. Ulrike Lehmkuhl, Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik, Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Charité Berlin. Für die Behandlung der Schizophrenie im Kindes- und Jugendalter sei beispielweise keines der neuen nebenwirkungsarmen atypischen Neuroleptika zugelassen. Um in schweren Fällen trotzdem zu helfen, werden Medikamente in veränderten Dosierungen erprobt. Die Eltern müssen diesen „Heilversuchen“ zustimmen. „In der Charité haben wir zwar inzwischen Erfahrungen mit den Dosierungen, trotzdem ist es immer mit einem Risiko verbunden“, betonte Lehmkuhl. Grundsätzlich sei es richtig, dass die Kriterien für die Erprobung von Medikamenten bei Kindern und Jugendlichen sehr hoch sind. Doch bestehe bei den Entscheidungsträgern dringender Diskussionsbedarf. „Die Fallzahlen bei den klinischen Studien für eine Zulassung müssen herabgesetzt werden“, forderte Lehmkuhl.
Petra Bühring


Kinderpsychiater haben das Instrumentarium zu unterscheiden, ob es sich um eine vorübergehende Verhaltensauffälligkeit oder eine psychische Erkrankung handelt.
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