ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2000Selbsthilfegruppen für Angehörige: Im Sog der Sucht

POLITIK

Selbsthilfegruppen für Angehörige: Im Sog der Sucht

Dtsch Arztebl 2000; 97(42): A-2753 / B-2344 / C-2082

Richter, Eva A.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Bei der Therapie steht der Süchtige im Mittelpunkt.
Doch viele Partner benötigen selbst Hilfe.

Sie leiden meist stumm. Angehörige von Suchtkranken verheimlichen oft ihre Sorgen, Nöte und ihr seelisches Leid. Dabei sind sie ebenso krank wie die Süchtigen selbst. Während die Sucht Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erregt, werden die körperlichen und seelischen Erkrankungen von Angehörigen Suchtkranker häufig nicht mit der Erkrankung des Partners in Verbindung gebracht. 60 bis 70 Prozent suchen wegen ihrer Beschwerden einen Arzt auf. In vielen Fällen behandeln Ärzte jedoch auf Depressionen und eine Vielzahl psychosomatischer Beschwerden, wie Nervosität, Schlaflosigkeit, Magenerkrankungen und Migräne, ohne dass die zentrale Problematik zur Sprache kommt. Dabei müssten auch die Partner von Suchtkranken oftmals psychotherapeutisch behandelt werden.
Das Schweigen brechen
„Angehörige sind bisher Randfiguren. Dabei haben in Deutschland etwa acht Millionen Menschen einen eigenständigen Hilfebedarf“, sagt Sonja Vennhaus, Referentin bei der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (DHS). „Auch zwei Millionen Kinder sind gefährdet, unter Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen zu leiden.“ Die in der DHS organisierten Selbsthilfe- und Abstinenzverbände wie das Blaue Kreuz in der Evangelischen Kirche, das Blaue Kreuz in Deutschland, die Freundeskreise für die Suchtkrankenhilfe und die Guttempler in Deutschland fordern deshalb spezielle Angebote für Angehörige im hauptamtlichen Bereich der Suchthilfe. Professionelle Helfer, Berater und Therapeuten müssten für eine angemessene Arbeit mit dieser Zielgruppe qualifiziert werden.
Der Angehörige des Suchtkranken entwickelt häufig eine Co-Abhängigkeit, die in vielen Fällen Krankheitscharakter besitzt und ebenso behandlungsbedürftig ist. Betroffen sind vor allem Frauen (80 Prozent). Während sich Männer schneller von der süchtigen Partnerin lösen, begleitet der Großteil der in fester Partnerschaft lebenden Frauen (90 Prozent) den abhängigen Partner während der Suchttherapie. Gleiches tun nur etwa zehn Prozent der mitbetroffenen Männer. Als Angehörige übernehmen die Frauen sogar teilweise bei der Therapie die Führungsrolle: Über sie findet zumeist die erste Kontaktaufnahme zu den Selbsthilfegruppen statt. Die eigenen Probleme bleiben allerdings auf der Strecke.
Um die Aufmerksamkeit auf die eigenständigen Bedürfnisse von Angehörigen zu lenken, hat die DHS das Jahr 2000 zum „Jahr der
Angehörigen Suchtkranker“ erklärt. Mit einer Aktionswoche Ende September machten Suchtkrankenhilfe und Suchtkrankenselbsthilfe die Situation der Angehörigen zu einem öffentlichen Thema. Langsam vollzieht sich ein Wandel; Angebote für Angehörige bestehen bereits vereinzelt. Einige Gruppen in der Suchtkrankenhilfe weisen seit ihrem Bestehen darauf hin, dass die Sucht auch das soziale Umfeld betrifft. In anderen finden Angehörige noch wenig Beachtung. „In der Gruppenarbeit werden Angehörige eher als ,Stabilisatoren‘ für den Suchtkranken gesehen“, sagte Rolf Hüllinghorst, Geschäftsführer der DHS. „Dies möchten wir ändern.“ Eine weltweite Selbsthilfeorganisation, die Al-Anon Familiengruppen, hat nur ein Anliegen: Sie hilft ausschließlich Angehörigen von Suchtkranken. In Deutschland gibt es derzeit etwa 950 Gruppen.
Mit der Resonanz auf die diesjährige Aktionswoche ist Hüllinghorst zufrieden: „Viele Selbsthilfegruppen haben das Thema aufgegriffen und bundesweit in die Regionen getragen.“ Dort erfahren Angehörige oft zum ersten Mal nach langen Jahren des Schweigens, der Scham und der Angst um den Partner eine Entlastung. „Gemeinsam mit anderen Betroffenen lernen sie dort“, erklärt Hüllinghorst, „Sucht als Erkrankung des Familiensystems zu begreifen und die eigene Gesundheit und Zufriedenheit wieder in den Mittelpunkt des Lebens zu stellen.“
Dr. med. Eva A. Richter


Informationen und Hilfen geben
* Blaues Kreuz in der Evangelischen Kirche, Bundesverband e.V., Dortmund, Telefon: 02 31/5 86 41 32, www.blaues-kreuz.org
* Kreuzbund e.V., Selbsthilfe- und Helfergemeinschaft für Suchtkranke und deren Angehörige, Bundesverband, Hamm, Telefon: 0 23 81/67 27 20, www.kreuzbund.de
* Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe, Bundesverband e.V., Kassel, Telefon: 05 61/78 04 13, www.freundeskreise-sucht.de
* Guttempler in Deutschland, Hamburg, Telefon: 0 40/24 58 80, www.guttempler.de
* Blaues Kreuz in Deutschland, Wuppertal, Telefon: 02 02/62 00 30, www.blaues-kreuz.de
* Al-Anon Familiengruppen, Essen, Telefon: 02 01/77 30 07, www.al-anon-alateen.org
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema