ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2000Methadon: Keine bessere Akzeptanz

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Methadon: Keine bessere Akzeptanz

Dtsch Arztebl 2000; 97(42): A-2774 / B-2363 / C-2217

Lorenzen, Detlef

Zu dem Beitrag „Steigende Akzeptanz“ von Dr. med. Paul Rheinberger und Gabriele Sander in Heft 36/2000:
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LNSLNS Der Artikel legt nahe, dass durch die im Juni veränderten Richtlinien für die Methadonsubstitution die Akzeptanz der Methadonsubstitution durch die Ärzte besser geworden sei. Ich halte die Äußerung für eine unbewiesene Hypothese, da auch die mitgelieferten Daten keinen Beweis darüber führen lassen. Durch die NUB-Richtlinien ist das Verfahren zur Anerkennung erheblich verlängert und der bis dahin mögliche sofortige Beginn entsprechend der Entscheidung des Arztes zulasten der Krankenkasse, wie er bei jeder anderen Erkrankung selbstverständlich ist, ausgeschlossen worden. Dadurch treten für die substitutionsbereiten und in der Regel ohne Mittel dastehenden Patienten unnötige und lebensgefährliche Wartezeiten ein, denn sie sind nicht in der Lage, die Kosten für eine bis zwei Wochen vorzustrecken. Nur durch den Druck der substituierenden Ärzte und die Bereitschaft einiger Kommissionen, die Anträge in Blitzverfahren zu bescheiden, konnten dramatische Fallverläufe vermieden werden. Wenn, wie im Artikel angedeutet, Eilverfahren bis zu einer Woche und Regelanträge bis zu acht Wochen benötigen, entstehen für Ärzte und Patienten absolut unnötige und riskante Wartezeiten.
Die Erweiterung der Indikationen hat auch mit den neuen Richtlinien nicht stattgefunden. Drogenkrankheit an sich wird zwar in der Präambel noch als behandlungsbedürftig definiert, die Richtlinien schränken dann aber die Behandlung auf Drogenkranke mit schweren Begleiterkrankungen wieder ein. In diesem Sinne sind auch die Befristungen zu verstehen, wie nicht die chronisch verlaufende Drogenkrankheit, sondern die (hoffentlich befristete) Begleiterkrankung. Die Aufnahme der Hepatitis C in die Richtlinien ist nur deswegen erfolgt, weil ein Sozialgericht die Indikation für zulässig erklärt hat. Die größte Zuwachsrate an Neuzugängen bei Substitutionen wird vermutlich bei der Übernahme bis dahin Codeinsubstituierter und solcher Patienten zu finden sein, die zuvor über Sonderprogramme der Sozialbehörden der Kommunen oder Bundesländer finanziert wurden.
Die von der Bundesregierung geforderte Erleichterung beim Zugang zur Me-thadonsubstitution durch die Einführung des Paragraphen 3 a wurde durch die Auslegung des Ausschusses für Ärzte und Krankenkassen konterkariert und behindert. Hier hat letztlich nur der engagierte Einsatz einiger Ärzte, die klar sich dafür ausgesprochen haben, dass diese Regelung gegen das Recht der Patienten auf angemessene Behandlung verstößt, zu der Handhabung in einigen KVen geführt, dass ein chronisch kranker Drogenabhängiger, ohne mit HIV oder Hepatitis C infiziert zu sein, einen Platz in der Substitution bekommen konnte. Die in der angeführten Statistik genannte Anzahl der substituierenden Ärzte hat auch nur unwesentlich zugenommen und zeigt weiter die fehlende Akzeptanz der Methadonsubstitution in der Ärzteschaft. Der Bedarf an Kollegen, die bereit sind, Drogenabhängige zu behandeln, ist weiterhin enorm groß, und es bestehen weite Landstriche, in denen Abhängige 50 bis 100 km fahren müssen, um den nächsten Arzt zu finden, der bereit ist, zu substituieren. Der Grund für die Abwehr in der Ärzteschaft ist einerseits in der Uninformiertheit über das Problem der Drogenkrankheit und andererseits in der Angst zu suchen, dass eine neue Behandlungsmethode das Geld aus dem eigenen Topf kostet. Außerdem sind noch viele verliebt in die Vorstellung, dass nur hartes Vorgehen und rigorose Abstinenzforderungen bei den Drogenabhängigen Erfolg zeigen können. Dabei wird ignoriert, dass die Substitution weltweit nachweislich großen Schaden verhindert und bei den Erfolgen der stationären drogenfreien Behandlung problemlos mithalten kann. Dabei soll aber nicht eine Methode gegen die andere ausgespielt werden, sondern es soll deutlich gemacht werden, dass beide Wege in der Behandlung chronisch Drogenkranker ihren wichtigen Platz haben . . .
Dr. med. Detlef Lorenzen, Schröderstraße 45A, 69120 Heidelberg
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