BRIEFE

Russland: Missstand

Dtsch Arztebl 2000; 97(42): A-2775 / B-2357 / C-2094

Jargin, Sergej V.

Zur Situation der russischen Pathologie:
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LNSLNS Der in Westeuropa üblichen Fachbezeichnung „Pathologie“ entspricht in Russland der Begriff „Pathologische Anatomie“. Die Pathologie in Russland hat reiche Traditionen. Vor der Russischen Revolution 1917 bestanden bekanntermaßen enge Verbindungen zwischen deutschen und russischen Pathologen. Die Fachliteratur kam damals massiv aus Deutschland nach Russland. Nach der Revolution waren diese Verbindungen abgebrochen. Trotzdem konnte ein relativ hohes Niveau der Pathologie auf dieser Basis erhalten bleiben.
Eine der wichtigsten Ursachen des allmählichen Unterganges war die Gewohnheit der Parteiführung, die leitenden Kader in der Wissenschaft und im Hochschulwesen nicht nach deren fachlichen Eigenschaften, sondern nach der Treue der Parteilinie zu ernennen. Die Nomenklatur (geschlossener Kreis oberer Funktionäre der ehemaligen Kommunistischen Partei – KPdSU) nominierte immer öfter führende Wissenschaftler und Professoren aus den eigenen Reihen. An der Spitze sammelten sich allzu oft inkompetente und ungewissenhafte Funktionäre, deren Hauptziel die Beibehaltung eigener Privilegien war.
Eine normale Entwicklung wird auch jetzt durch diesen, seit der Sowjetzeit persistierenden Missstand behindert. Viele leitende Positionen sind nach wie vor durch die Mitglieder der ehemaligen Nomenklatur oder deren Anhänger besetzt. Diese Personen sind oft keine Pathologen nach ihrer Ausbildung oder de facto. Folglich, die Lehrbücher, Handbücher und andere Fachpublikationen sind ungenau, veraltet oder enthalten Plagiate. In mehreren Forschungsarbeiten sind Fälschungen nachweisbar. Die praktische Tätigkeit leidet unter der unprofessionellen und ungewissenhaften Führung. Die ehemaligen Parteifunktionäre stellen ein negatives Vorbild für junge Kollegen dar.
Ähnliche Verhältnisse bestehen auch in anderen Bereichen der Medizin, der Wissenschaft und des Bildungswesens unseres Landes fort. Ein kritischer Brief, den ich an die „Medizinische Gazeta“ schickte, ist ohne Antwort geblieben. Die Veröffentlichung eines ähnlichen Briefes und eines Artikels mit genauer Beschreibung einer wissenschaftlichen Falsifikation wurde von der Zeitschrift „Archiv Patologii“ ohne sachlichen Grund abgelehnt. Eine öffentliche Besprechung des Missstandes wird stets vermieden.
Die Mitglieder der ehemaligen Parteinomenklatur reisen oft ins Ausland und vertreten unser Land. Dieser Missstand darf nicht weiter toleriert werden. Deswegen ist es jetzt an der Zeit, über die echte Sachlage zu berichten.
Dr. med. Sergej V. Jargin, Klimentovskij per. 6/82, 113184 Moskau, Russland
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