ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2000Das Asperger-Syndrom: Stoffwechselstörungen als Auslöser

MEDIZIN: Diskussion

Das Asperger-Syndrom: Stoffwechselstörungen als Auslöser

Dtsch Arztebl 2000; 97(42): A-2795 / B-2396 / C-2227

Mehl, Vera

zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Dr. phil. Helmut Remschmidt in Heft 19/2000
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LNSLNS Pathogene Abbauprodukte von Casein und Gluten (bovine beta-Casomorphin 7 beziehungsweise trans-Indolyl-Acryloyl-Glycin), die in Urinproben von Autisten und Legasthenikern nachgewiesen wurden und vermutlich infolge eines Mangels an eiweißspaltenden Enzymen entstanden sind, lassen annehmen, dass diese Stoffe insbesondere bei erhöhter Permeabilität der Darmwand über den Blutweg als so genannte Opioid-Peptide bei Disponierten die Blut-Hirn-Schranke passieren, Angriffspunkte der Endorphine und Enkephaline besetzen und zerebrale Störungen auslösen (2). Gemäß Tierversuchen kann zumindest beta-Casomorphin 7 die Blut-Hirn-Schranke passieren und schizophrene und autistische Störungen auslösen (3). Dem entsprechen eigene Beobachtungen, dass gluten- und caseinfreie Ernährung (also ohne Eiweiß aus Getreiden und ohne Kuhmilcheiweiß) zu erstaunlichem Aufholen von Entwicklungsrückständen und akzeptablem Gedeihen autistischer, oft hoch- oder spezialbegabter Kinder führen kann. Des Weiteren wiesen von mir veranlasste Untersuchungen des Urins von drei schwer autistischen und zahlreichen hyperaktiven Kindern mit autistischen Zügen auf Kryptopyrrol in allen Fällen auf eine Pyrrolurie hin (1). Diese entsteht bei vermehrtem Anfall von Pyrrolen, die anstatt durch den Darm über den Urin ausgeschieden werden, und zwar in einem Komplex mit Zink und Vitamin B 6. Bei exzessiven Zink- und Vitamin-B-6-Verlusten oder -Mangel können neurologische und psychiatrische Auffälligkeiten entstehen; diese sind bei entsprechender Substitution vermeidbar. Die Symptome der Pyrrolurie verstärken sich nach meinen Beobachtungen bei Gluten- und Caseinbelastung und verringern sich bei deren Entzug. Daher kann man vermuten, dass neben weiteren Angriffspunkten pathogene Casein- oder Glutenabbauprodukte zu einem vermehrten Anfall von Pyrrolen führen, beispielsweise durch Hämolyse oder beeinträchtigte Gallebildung. Die von Remschmidt beschriebenen Entwicklungsstörungen neuronaler Netze könnten Folge eines Zink- und Vitamin-B-6-Mangels sein, auch schon intrauterin und verstärkt bei bereits davon betroffener Mutter. Zudem führt Vitamin-B-6-Mangel zu Störungen des Eiweißstoffwechsels, auch der Neurotransmitter-Synthese, und kann bei gestörtem Tryptophanabbau Symptome der Glutarazidurie mit zumindest passagerer Liquorvermehrung hervorrufen. Die bei den meisten der genannten Kinder anzutreffende frontale Schädelvorwölbung spricht meines Erachtens für eine Liquordruckerhöhung während des Schädelwachstums. Ein vermehrtes Nachgeben des knöchernen Schädels in den ersten beiden Lebensjahren oder ein späterer Fontanellenschluss mit Ausbildung eines Makrozephalus dürften wegen der Druckentlastung eine noch relativ günstige Entwicklung, auch bezüglich der Motorik, ermöglichen. Bei relativ engen Schädeln ohne solche „Pufferzone“ dürften zerebrale Krampfanfälle und druckbedingte Hirnschäden häufiger auftreten, auch Kompressionen des Rückenmarks im Bereich des Foramen magnum mit spastischen Störungen. So könnte allen Autismusformen die gleiche Stoffwechselstörung zugrunde liegen. Unterschiede ergeben sich nur aus dem Schweregrad und dem jeweiligen Zeitpunkt der Schädigung des Hirns innerhalb von dessen Reifungsphasen.

Literatur
1. Mehl V: Pyrrolurie und Folgekrankheiten – eine Hauptursache für Arztbesuche? Journal für Orthomolekulare Medizin, 2000; 8: 103–107.
2. Shattock P, Savery D: Autism as a metabolic disorder. Autism Research Unit, University of Sunderland, 1997 (deutsche Übersetzung erhältlich bei Vera Mehl).
3. Sun Z, Cade JR, Fregly MJ, Privette RM: b-casomorphin induces Fos-like immunoreactivity in discrete brain regions relevant to schizophrenia and autism. Autism. SAGE Publications and The National Autistic Society 1999; 3: 67–83.

Dr. med. Vera Mehl
Birkenweg 3, 91054 Buckenhof

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michelvoss
am Freitag, 12. April 2019, 12:29

"β-casomorphin-7 1.6-fold higher in autism than in controls."

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6356206/

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