ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2000Das Asperger-Syndrom: Schlusswort

MEDIZIN: Diskussion

Das Asperger-Syndrom: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2000; 97(42): A-2796 / B-2380 / C-2233

Remschmidt, Helmut

zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Dr. phil. Helmut Remschmidt in Heft 19/2000
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LNSLNS Die beiden Zuschriften beschäftigen sich mit drei wichtigen Problemkreisen, die sowohl beim Asperger-Syndrom als auch beim frühkindlichen Autismus (Kanner-Syndrom) von Bedeutung sein können: mit dyspraktischen Störungen und fehlender Empathie, mit Stoffwechselstörungen als Ursache autistischer Syndrome und mit Behandlungsfragen.
Dyspraktische Störungen und Störungen der Empathie
Schon Hans Asperger hat 1944 in der Erstbeschreibung des später nach ihm benannten Syndroms darauf hingewiesen, dass diese Kinder durch eine ausgeprägte motorische Ungeschicklichkeit auffallen. Bezüglich ihrer Mimik und Gestik führt er aus: Sie brauchen „ihre Mimik als kontaktschaffende Ausdruckserscheinung nicht“.
Kürzlich wurden Befunde veröffentlicht (wenn auch nur kasuistisch), die ein mögliches Substrat für die mimische Schwäche dieser Kinder nahelegen, nämlich rudimentär ausgebildete Fazialiskerne beziehungsweise obere Olivenkerne (2). Ob dieser Befund repliziert werden kann, wird die Zukunft zeigen.
Die von Frau Dr. Schillitz vermutete dyspraktische Störung (von einer Apraxie würde ich nicht sprechen) könnte in diesen Zusammenhang gehören.
Im Hinblick auf die fehlende emotionale Resonanz hat eine Gruppe von Kinder- und Jugendpsychiatern an der Yale University (New Haven, USA) festgestellt, dass Patienten mit „High functioning“-Autismus und Asperger-Syndrom Gesichter und Objekte in derselben Hirnregion verarbeiten, nämlich im Gyrus temporalis, während gesunde Kontrollprobanden Gesichter und Objekte in verschiedenen Hirnregionen prozessieren: Gesichter im Gyrus fusiformis und Objekte im Gyrus temporalis inferior. Anders ausgedrückt: Probanden mit „High functioning“-Autismus und Asperger-Syndrom verarbeiten Gesichter wie Objekte. Möglicherweise liegt darin ihre Empathiestörung begründet.
Dieses Ergebnis resultiert aus funktionellen Magnetresonanztomographie-Untersuchungen, bei denen die Probanden aufgefordert wurden, jeweils zwei Gesichter mit unterschiedlichem emotionalen Gehalt zu unterscheiden im Vergleich zu zwei unterschiedlichen Objekten (4).
Stoffwechselstörungen als Auslöser von Autismus
Frau Dr. Mehl weist in ihrer Zuschrift auf die Bedeutung von Stoffwechselstörungen im Zusammenhang mit autistischen Syndromen hin. Dies ist zweifelsohne ein außerordentlich wichtiges und für den Autismus relevantes Forschungsgebiet. Jedoch haben sich bislang keine für autistische Störungen spezifischen und replizierbaren Stoffwechselstörungen, die autistische Störungen generell zu erklären im Stande wären, nachweisen lassen. Es erscheinen jedes Jahr mehrere Arbeiten mit jeweils unterschiedlichen Nachweisen von pathologischen Stoffwechselprodukten, die sich bei der Nachuntersuchung meist nicht bestätigen ließen.
Selbstverständlich sollte jeder Einzelbeobachtung nachgegangen werden, weil oft gerade der Einzelfall hypothesengenerierend ist und sich daraus manchmal die Spur für einen generellen Zusammenhang ergibt. Der einzige stabile Befund, der immer wieder gefunden wurde, ist die Hyperserotoninämie bei etwa 60 Prozent der Patienten mit frühkindlichem Autismus. Dass autistische Störungen sich bereits pränatal entwickeln, wie Frau Dr. Mehl meint, kann mit hoher Sicherheit angenommen werden. Auch ist bekannt, dass bei einer großen Zahl autistischer Kinder der Kopfumfang größer ist als in der Normalpopulation. Inwieweit allerdings „druckbedingte Hirnschäden“ oder gar Kompressionen des Rückenmarks im Bereich des Foramen occipitale mit spastischen Störungen bedeutsam sind, muss als unsicher bezeichnet werden. Die Mehrzahl autistischer Kinder leidet nicht an solchen Störungen.
Behandlungsfragen: Gestützte Kommunikation und Diät
In beiden Leserzuschriften wird auf Behandlungsfragen eingegangen. Die von Frau Dr. Schillitz erwähnte „Gestützte Kommunikation“ wird im Einzelfall und auch von Eltern immer wieder als großer therapeutischer Durchbruch geschildert. Die bislang vorliegenden wissenschaftlichen Untersuchungen haben dies allerdings noch nicht bestätigen können. Auch die voluminöse Schrift, herausgegeben vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Soziales, über „Gestützte Kommunikation“ drückt sich diesbezüglich sehr vorsichtig aus. Hier sind weitere Untersuchungen erforderlich. Wenn die Methode im Einzelfall nützt, so sollte sie ruhig angewandt werden, jedoch kann ihre generelle Wirksamkeit bei der Mehrzahl autistischer Störungen vorerst nicht als wissenschaftlich nachgewiesen gelten.
Frau Dr. Mehl erwähnt im Zusammenhang mit Stoffwechselstörungen auch Diäten. Hier ist es ähnlich wie beim hyperkinetischen Syndrom: Es gibt Eltern, die auf die Wirkung einer Diät schwören, wissenschaftlich nachgewiesen ist sie jedoch nicht. Zudem muss man berücksichtigen, dass mit der Diät in der Regel auch eine stärkere Zuwendung verbunden ist, sodass oft nicht klar ist, was eigentlich wirkt. Auch hier sind mir aber Einzelfälle bekannt, in denen Eltern und Bezugspersonen die Wirkung einer caseinfreien Ernährung beschreiben. Gleiches gilt im Übrigen für das hyperkinetische Syndrom, was wir selbst auch untersucht haben (1, 3).
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass weltweit über autistische Störungen intensiv geforscht wird, wobei die von den beiden Kolleginnen genannten Aspekte keineswegs vernachlässigt werden, sondern mitten im Fokus liegen.

Literatur
1. Blank R, Remschmidt H: Hyperkinetic syndrome: The
role of allergy among psychological and neurological factors. European Child and Adolescent Psychiatry 1994; 3: 220–228.
2. Rodier PM: Autismus. Spektrum der Wissenschaft 2000: 56–62.
3. Schulte-Körne G, Deimel W, Gutenbrunner C, Henninghausen K, Blank R, Rieger C, Remschmidt H: Der Einfluss einer oligoantigenen Diät auf das Verhalten von hyperkinetischen Störungen. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 1996; 24: 176– 183.
4. Schultz RT et al.: Abnormal ventral temporal cortical activity during face discrimination among individuals with autism and asperger syndrome. Archives of General Psychiatry 2000; 57: 331–340.

Prof. Dr. med. Dr. phil. Helmut Remschmidt
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
des Kinder- und Jugendalters, Phillips-Universität
Hans-Sachs-Straße 6, 35033 Marburg

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