ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2000Hormonersatztherapie mit Tibolon: Synthetisches Steroid senkt auch Triglycerid-Spiegel

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Hormonersatztherapie mit Tibolon: Synthetisches Steroid senkt auch Triglycerid-Spiegel

Dtsch Arztebl 2000; 97(42): A-2800 / B-2384 / C-2229

Hoc, Siegfried

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LNSLNS Viele Frauen lehnen die Hormonersatztherapie in der Postmenopause ab. Als Grund nennen zwei Drittel der Frauen Gewichtszunahme, ein Viertel Blutungen und circa 17 Prozent ein erhöhtes Brustkrebsrisiko. Etwa ein Drittel der Frauen vertritt die Auffassung, es sei gegen die Natur, in den Wechseljahren Hormone zu substituieren. Diese Daten erbrachte eine von Dr. Beate Schultz-Zehden (Berlin) durchgeführte Befragung von 1 038 Frauen im Alter von 50 bis 70 Jahren zum Thema Hormonersatztherapie.
Dabei zeigten Frauen mit höherem Bildungsstand eine höhere Bereitschaft zur Hormonsubstitution und auch ein qualifiziertes Wissen. Die geäußerten Erwartungen von einer solchen Therapie sind in erster Linie Wohlbefinden und gutes Aussehen. Erst danach rangieren Prävention von Osteoporose und kardiovaskulären Erkrankungen.
Ein wichtiger Faktor für das Wohlbefinden in der Postmenopause ist die Stimmungslage. Ein Zusammenhang zwischen Hormonstatus und depressiver Symptomatik ist nicht belegt. Prof. Eckhart Rüther (Göttingen) betonte, dass eine Depression nie ausschließlich auf Östrogenmangel zurückgeführt werden kann. Deshalb muss bei einer depressiven Erkrankung in der Postmenopause zusätzlich zur Hormonersatztherapie stets antidepressiv behandelt werden.
Tatsache ist, dass die Östrogene prämenopausale Frauen vor Arteriosklerose schützen. Die Inzidenz von koronarer Herzkrankheit, Schlaganfällen und peripheren Gefäßleiden ist in der Prämenopause deutlich niedriger als bei gleichaltrigen Männern. Erst postmenopausal holen die Frauen auf, die Erkrankungsraten steigen an und erreichen mit einer Verzögerung von zehn bis 15 Jahren das Niveau der Männer.
Hauptgrund dafür ist der postmenopausale Anstieg der Triglycerid-Spiegel und ein Rückgang der HDL-Konzentration. Diese beiden Risikofaktoren träten häufig zusammen mit Hypertonie, gestörter Glukosetoleranz und einer thrombophilen Stoffwechselsituation mit erhöhter Konzentration an den Faktoren VII und PAI-1 auf, erläuterte Prof. Gerd Assmann (Münster), außerdem steige das atherogene Lipoprotein (a) an.
Diese negativen Auswirkungen des Östrogenmangels könnten durch eine Hormonersatztherapie umgekehrt werden, so Assmann. Im Gegensatz zu den fehlenden positiven Einflüssen der Hormonsubstitution auf eine manifeste KHK können durch Gabe von CSE-Hemmern auch bei postmenopausalen Frauen mit KHK die koronaren Ereignisse und invasive therapeutische Interventionen (Angioplastie, Bypass-Operation) und Schlaganfall signifikant gesenkt werden. Den Grund dafür sieht man in der drastischen Senkung des LDL-Cholesterins um 30 bis 50 Prozent. Darüber hinaus senken die Statine die Triglycerid-Werte um etwa 14 Prozent.
Mastodynien treten selten auf
In der Primärprävention der KHK ist das Vorgehen von weiteren Risikofaktoren abhängig. Generell gilt, dass bei positiver Familienanamnese, Diabetes mellitus, Hypertonie und Dyslipoproteinämie das LDL-Cholesterin stärker gesenkt werden muss als bei Frauen ohne solche Risikofaktoren. In der Regel genügt dann der LDL-senkende Effekt der Hormonersatztherapie nicht, um das Therapieziel zu erreichen, und es müssen zusätzlich lipidsenkende Medikamente gegeben werden.
Andererseits sollte bei einer Hypertriglyzeridämie und einer Anamnese mit thromboembolischen Ereignissen die Indikation zur östrogen-haltigen Hormonersatztherapie zurückhaltend gestellt werden. Zum Unterschied zur kombinierten Hormonsubstitution aus einem Östrogen und einem Gestagen wird unter dem synthetischen Steroid Tibolon (Liviella®, Organon) der Triglycerid-Spiegel aber deutlich gesenkt.
Die östrogenen, gestagenen und androgenen Partialeffekte von Tibolon entfalteten in präklinischen Studien ein günstiges Wirkprofil an Brustdrüsen- und Mammakarzinomzellen. In klinischen Studien sei der günstige Effekt auf die Brust durch ausbleibende Dichtezunahme in der Mammographie und das seltene Auftreten von Mastodynien bestätigt worden, berichtete Prof. Olaf Ortmann (Lübeck). Ob durch Tibolon das Mammakarzinom-Risiko gesenkt wird, lässt sich derzeit noch nicht beurteilen, da entsprechende Studien fehlen.
Prof. Hans Peter Zahradnik (Freiburg) berichtete über eine Phase-IV-Studie mit Tibolon, an der 981 Frauen im Alter zwischen 45 und 70 Jahren teilnahmen; 742 Frauen haben die Studie nach dem Prüfplan beendet. Die Behandlungsdauer betrug vier Monate. Das primäre Studienziel war, die Wirkung von Tibolon anhand der Menopause-Bewertungsskala MRS II zu testen. Sekundäres Prüfziel war, die Wirkung auf die Libido und die Verträglichkeit der Substanz zu bewerten. Die positiven Veränderungen des Menopausen-Scores waren eindrucksvoll: Etwa 90 Prozent der Frauen gaben eine Besserung an, in 50 Prozent der Fälle einen um bis zu zehn Punkte. Mehr als zehn Punkte nannten zwischen 30 und 35 Prozent der Probandinnen. Das Sexualverhalten wurde durch Tibolon in den meisten Fällen nicht beeinflusst, manche Frauen erlebten eine Zunahme der Libido.
Die am häufigsten genannten unerwünschten Ereignisse waren mit 50 Nennungen unspezifische zentral-nervöse oder neurologische Beschwerden. Es folgte mit 44 Nennungen eine genitale Blutung, gefolgt von Hautproblemen, Gewichtszunahme oder klimakterischen Beschwerden. In der Gesamtbeurteilung wurde Liviella durch die Prüfärzte als „gut“ bis „sehr gut“ eingestuft. Siegfried Hoc
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