VARIA: Post scriptum

Ein lohnender Besuch

Dtsch Arztebl 1996; 93(33): [56]

Rehbein, Maja

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LNSLNS Der erste Ärztekongreß in einer westdeutschen Großstadt nach dem Fall der Mauer wird Frau Dr. Naumann unvergeßlich bleiben. Zwar war sie schon mit großen Erwartungen angereist, doch sollten diese noch weit übertroffen werden.
Voller Interesse hörte sie die Fachvorträge an. Neben ihr saß eine alte gehbehinderte Dame, die längst im Rentenalter war, aber ihrem Beruf noch immer die Treue hielt, wenn auch nur durch den Besuch von Fortbildungsveranstaltungen. Als sie erfahren hatte, daß die junge Kollegin aus der ehemaligen DDR kam, sagte sie in der Pause: "Kommen Sie mal mit, ich will Ihnen mal bei den Pharmavertretern ein bißchen behilflich sein." Sie traten an den ersten Stand, und die alte Dame forderte lächelnd, aber energisch: "Die Dame hier is aus’m Osten. Nu zeigen Se der mal was!"
Frau Dr. Naumann hätte sich zwar lieber verkrochen, aber die Herren Vertreter von der Pharmaindustrie begannen eilfertig, alles hervorzukramen, was sie interessieren könnte: Broschüren, Aufkleber, Fachartikel, Zeitschriften, Poster, sogar Lehrbücher. Als der Strom von Material zu versiegen drohte, fragte die alte Dame drohend, während sie mit ihrem Stock aufstampfte: "Wat denn, det war doch nich etwa schon alles?" Da bückten sich die Pharmavertreter pflichtschuldigst und holten unter dem Tisch noch weitere Dinge für besondere Kunden hervor. Die alte Dame nickte zufrieden und blinzelte ihrem Schützling zu.
Dies wiederholte sich mehrmals. Insgesamt 54 Pharma-Firmen waren auf dem Kongreß vertreten, doch war es unmöglich, alle Stände zu besuchen. Nach Hause kam Frau Dr. Naumann zurück mit 23 Kugelschreibern, 16 Bleistiften, 3 gefüllten Seifenspendern, 5 Radiergummis, 4 Wandkalendern, 8 Taschenkalendern, 7 Eiskratzern, mehreren Seifenstücken, 14 Büchern über die Einrichtung einer Arztpraxis, einer Einladung zu einem Single-Abend (obwohl Frau Naumann verheiratet war), 1 Liebstöckel-Pflanze, 125 einzelnen Bonbons, 17 Schreibblöcken A5, 6 Blöcken A4, zahlreichen Proben von Hautcremes, 4 Pflegesets für Kinderpopos (Frau Naumanns Kinder waren schon fast erwachsen), 1 silbernen Armreif mit Aufdruck der Firma, im ganzen 16 Aufforderungen zu Preisrätseln und Preisausschreiben, 1 Fußroller zur Massage, 2 Handbürsten, 13 Handtüchern mit Aufdruck, 8 Reiseführern in die schönsten Gegenden Frankreichs, einem dicken Autoatlas und – einem Gutschein für einen jungen Hund. Maja Rehbein
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