ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2000Psychotherapie: Die Kassenart bestimmt die Behandlung

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Psychotherapie: Die Kassenart bestimmt die Behandlung

Dtsch Arztebl 2000; 97(43): A-2822 / B-2397 / C-2132

Bühring, Petra

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LNSLNS Die unterschiedliche Bewertung psychotherapeutischer
Leistungen hat Konsequenzen für die Versorgung.

Die Honorare für das erste Quartal 2000 sind ausgezahlt worden. Für genehmigungspflichtige zeitgebundene Leistungen von Behandlern die mehr als 90 Prozent psychotherapeutisch tätig sind bewegen sie sich zumindest auf einem höheren Niveau als 1999: In den meisten Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) liegt der gesetzlich gestützte Punktwert zwischen 7 und 8 Pfennig. Große Abweichungen nach unten gibt es in Berlin (Punktwert: 5,7; Stundenhonorar: 82,51 DM) und Mecklenburg-Vorpommern (Punktwert: 6,6).
Für nicht genehmigungspflichtige Leistungen dagegen – das heißt für probatorische Sitzungen, Berichterstellung oder Testdiagnostik – ist der Punktwert teilweise extrem gesunken: In Berlin liegt er im Bereich der Primärkassen bei 0,12; in Sachsen bei 0,44. Als „skandalösen Umstand“ bezeichnet dies Hans-Jochen Weidhaas, Bundesvorsitzender der Vereinigung der Kassenpsychotherapeuten: „Manche KVen kontern die ihnen per Gesetz aufgezwungene Pflicht zur Stützung der genehmigungspflichtigen Leistungen dadurch, dass sie die Punktwerte für nicht genehmigungspflichtige Leistungen dem freien Fall überlassen.“
Die Psychotherapeuten seien daher aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen, oft schon nach dem Erstkontakt über die Notwendigkeit einer Therapie zu entscheiden. Vorgesehen sind vier bis fünf 50-minütige probatorische Sitzungen. Das Schreiben der Berichte an den Gutachter sei ebenfalls ein Zuschussgeschäft. „Die Folge ist ein gravierender Qualitätsverlust in der Psychotherapie“, klagt Weidhaas.
Unterschiedliche Versorgung
In den meisten KV-Bereichen zahlen die Primärkassen für die psychotherapeutische Behandlung ihrer Versicherten weniger als die Ersatzkassen. Dies habe im Saarland dazu geführt, dass Primärkassen-Versicherte bei der Auswahl um Psychotherapieplätze benachteiligt wurden, ergab eine Studie von Prof. Dr. med. Siegfried Zepf et al., Institut für Psychoanalyse, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin der Universitätskliniken des Saarlands, Homburg/Saar. Die Autoren untersuchten die ambulante psychotherapeutische Versorgungslage im Saarland zwischen April und Juni dieses Jahres. Nur 30 Prozent der Erwachsenen, die eine probatorische Sitzung bei einem Psychotherapeuten in Anspruch nahmen, waren bei einer Primärkasse versichert. In Behandlung genommen wurden 23 Prozent erwachsene Primärkassen-Versicherte. Dabei hielt sich deren Anteil (49 Prozent) im Vergleich zu Ersatzkassen- oder anders Versicherten (51 Prozent) die Waage.
Die Studie stellte weiter fest, dass die Kassenzugehörigkeit Einfluss auf die Art der Behandlung hat: Primärkassen-Versicherte erhalten signifikant weniger teure Langzeittherapien und Psychoanalysen; der Anteil der suggestiven Verfahren, Kurzzeittherapien und der psychosomatischen Grundversorgung ist dagegen bei Primärkassen-Versicherten höher (siehe Tabelle).
Psychiater benachteiligt
Der Punktwertverfall hat auch Auswirkungen auf die psychotherapeutische Versorgung psychisch Kranker. „Psychiater wenden weniger Psychotherapie an“, erklärt Prof. Dr. med. Jürgen Fritze, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde. Die Psychiater erhalten noch weniger Geld als Psychologische Psychotherapeuten. „Die gleiche Leistung wird aufgrund der 90-Prozent-Regelung zu einem niedrigeren, weil floatenden Punktwert abgerechnet“, erklärt Fritze. Der Hindergrund: Das GKV-Gesundheitsreformgesetz sah eine Stützung des Punktwertes nur für diejenigen vor, die mehr als 90 Prozent psychotherapeutische Leistungen erbringen. Die Psychologischen Psychotherapeuten sollten damit vor einer existenziellen Bedrohung geschützt werden. Benachteiligt sind allerdings Psychiater, Kinder- und Jugendpsychiater und einige ärztliche Psychotherapeuten (siehe hierzu auch Deutsches Ärzteblatt, Heft 13/2000).
Eine Änderung der Situation ist sobald nicht in Sicht: Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Andrea Fischer will erst klären, ob Handlungsbedarf besteht: „Ende des Jahres werden die Erfahrungen der KVen zeigen, was Anfangsturbulenzen und was Konstruktionsfehler des Psychotherapeutengesetzes sind.“ Petra Bühring
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