ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2000Hypermobilitätssyndrom: Olympisches Gold für pathologische Eleganz

POLITIK: Kommentar

Hypermobilitätssyndrom: Olympisches Gold für pathologische Eleganz

Dtsch Arztebl 2000; 97(43): A-2824 / B-2405 / C-2251

Schilling, Fritz

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LNSLNS Bei der rhythmischen Sport-Gymnastik wird das genetisch prädisponierte Krankheitspotenzial der jungen Mädchen bewusst in Kauf genommen.

Als Rheumatologe dem arthro-musculo-skelettal geforderten Bewegungssystem verpflichtet, habe ich mit medizinisch geschultem Auge die Darbietungen der „rhythmischen Sport-Gymnastik“ während der Olympischen Spiele in Sydney verfolgt. Bei den meisten Zuschauern entstand dabei wohl der Eindruck, dass die um Gold- und Silbermedaillen kämpfenden Mädchen, welche die eleganteste Perversion menschlicher Mobilität darbieten, zu dieser Anmut seit früher Jugend „gedrillt“ worden sind.
Wohl kaum einer hat bemerkt, dass die ästhetisch wunderbar erscheinende Leistung dieser sportlich missbrauchten Kinder nur auf dem Boden einer angeborenen skelettalen Missbildung aufgebaut werden konnte, die dem Arzt – insbesondere dem Sportmediziner – als „Hypermobilitätssyndrom“ bekannt sein muss.
Diese ist genetisch prädisponiert erblich und familiär vorkommend. Die zugrundeliegende Hypo- und Aplasie von Gelenkkapselanteilen, Bändern und Sehnen mit entsprechender Überbeweglichkeit einzelner bis systemisch verbundener Gelenkgruppen einschließlich der Wirbelsäule führt zur Möglichkeit höchst unphysiologischer Bewegungsabläufe vom – noch relativ harmlosen – Spagat und der Finger-Hyperextension bis zum Exzess des „Schlangenmenschen“, der als Zirkusartist seinen Lebensunterhalt verdient.
Dem millionenfachen unkundigen Olympia-Publikum wird somit vorgetäuscht, dass diese kinetischen Wunder – wie die Hüftgelenkabkuktion um 180 Grad von Fuß bis Schulter – das Ergebnis eines besonderen sportlichen Trainings seien, die eine eigene Sportspezialität darstellen und olympiawürdig Gold- und Silbermedaillen verdienen.
Offenbar wird auch von zuständigen Kollegen nicht erkannt oder wird verdrängt, dass der ehrgeizige und maximale Ausbau der pathologischen Überfunktion dieser anatomisch schutzlosen Gelenke den unverantwortlichen Missbrauch einer konstitutionellen „Behinderung“ darstellt.
Früharthrose der Sportler wird in Kauf genommen
Weiß man doch, dass diesen Gelenken die schließlich schmerzhaft behindernde Früharthrose und diesen Menschen die Invalidität mit 40 Jahren droht, also eine offenbar nicht nur verschwiegene, sondern noch olympisch geförderte Verschlimmerung der Prognose. Damit fällt auch die juristisch interessante Diskrepanz auf zwischen strenger Doping-Fahndung einerseits und Missachtung des vorgegebenen Krankheitspotenzials dieser Kinder und Jugendlichen andererseits.
Ich möchte mit diesem Artikel anregen, dass sich sachlich und beruflich beziehungsweise vertraglich zuständige Kollegen zu diesen Vorwürfen äußern, im Interesse der meines Erachtens missbrauchten Athleten – wobei ich allerdings mit einem gewissen Tabu-Widerstand rechne. Möglicherweise haben meine kritischen Überlegungen aber auch eine für alle unphysiologischen Belastungen des Sports medizinisch noch allgemeinere Bedeutung. Prof. Dr. med. Fritz Schilling
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