ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2000Ernährung und Psyche – Essen: Ein Wechselspiel zwischen Kopf und Bauch

POLITIK: Medizinreport

Ernährung und Psyche – Essen: Ein Wechselspiel zwischen Kopf und Bauch

Dtsch Arztebl 2000; 97(43): A-2828 / B-2424 / C-2252

Vetter, Christine

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LNSLNS Die Versuche, Patienten zu einer gesunden Ernährung zu motivieren, verlaufen oft frustran, weil bei der Beratung das komplexe Regelwerk, welches das Essverhalten steuert, nicht genug berücksichtigt wird.


Die wohl größte Gefahr für die menschliche Gesundheit geht von einer ungesunden Lebensweise und in erster Linie von einer falschen Ernährung aus. Doch obwohl hochwertige Lebensmittel in der Industriegesellschaft in ausreichender Menge – ja sogar im Überfluss – verfügbar sind und obwohl das Wissen in der Bevölkerung um die Grundregeln einer gesunden Ernährung so groß ist wie nie zuvor, nehmen ernährungsbedingte Störungen (Übergewicht) und Folgeerkrankungen (Hypertonie und Diabetes mellitus) stetig zu. Zwar antworten auf Befragen bis zu 80 Prozent der Bevölkerung, auf Gesundheit, eine gesunde Ernährung und körperliche Fitness zu achten, die Realität aber entlarvt solche Befragungsergebnisse als krasse Fehleinschätzungen des eigenen Verhaltens.
Damit besteht offensichtlich eine deutliche Diskrepanz zwischen dem Wunsch, sich gesund zu ernähren, und dem tatsächlichen Essverhalten; wir essen allenthalben zu viel, zu fett und zu süß. Das Essverhalten wird dabei aber keineswegs primär vom Hunger bestimmt, wie beim 3. Aid-Forum (Auswertungs- und Informationsdienst für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten e.V.) in Bonn deutlich wurde. Es handelt sich vielmehr um ein komplexes Geschehen, das von sozialen, aber auch von psychischen Faktoren gesteuert wird.
Erziehung, Gewohnheiten und Traditionen spielen eine Rolle, aber auch das eigene psychische Befinden. „Das Essverhalten ist Teil unseres Sozialverhaltens. Gemeinsam essen stellt Nähe her, schafft Wir-Gefühl und befriedigt unser Bedürfnis nach sozialen Kontakten“, so brachte Dr. Paul Breloh (Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten) zumindest einen der Teilaspekte auf den Punkt.
Eines der bedeutsamsten Gesundheitprobleme dürfte dabei das Übergewicht sein. So bringen den statistischen Erhebungen zufolge 20 bis 50 Prozent der Deutschen zu viele Kilos auf die Waage, nahezu jeder Sechste ist adipös. „Tendenz steigend“, so Prof. Susanne Klaus vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke. Viel wird nach ihren Worten geforscht, um die Ursachen der Überernährung zu ergründen. Dabei suchen die Ernährungswissenschaftler nach kurzfristigen und auch nach langfristigen Signalen, die Gefühle wie Hunger, Appetit und Sättigung steuern.
Vielfältige Faktoren werden in diesem Regelkreis wirksam von Phänomenen wie dem Grad der Magendehnung über Hormone, die vom Gastrointestinaltrakt gebildet werden, wie Insulin und Glucagon bis hin zu Botenstoffen wie dem Leptin, einem offensichtlich adipostatischen Signal, das vom Fettgewebe sezerniert wird und die Nahrungsaufnahme drosselt. „Bei Adipösen wird offensichtlich dieses Leptinsignal nicht mehr richtig verstanden, es bildet sich eine Leptinresistenz“, erklärte die Wissenschaftlerin in Bonn.
Die Ursachen der Leptinresistenz könnten durchaus genetisch determiniert sein. So nimmt man unter anderem an, dass bei Adipösen der Leptintransport über endotheliale Zellen der Blut-Hirn-Schranke herabgesetzt ist, sodass ein Andocken an die neuronalen Leptinrezeptoren nicht erfolgen kann. Zwar ist noch nicht endgültig geklärt, dass eine Störung in diesem Transport zu Übergewicht führt, doch weist nach Meinung der Wissenschaftlerin die Tatsache darauf hin, dass bei Übergewichtigen im Vergleich zu den Plasmaspiegeln nur niedrige Leptinspiegel in der Zerebrospinalflüssigkeit zu finden sind. Als weiterer möglicher Grund für eine Leptinresistenz wird zudem die Beeinträchtigung der Übermittlung von Leptin-Rezeptor-Signalen durch bestimmte Suppressorsubstanzen diskutiert.
Doch nicht nur Leptin steuert die Nahrungsaufnahme, auch weitere Neurohormone wie das Neuropeptid Y sowie Melanocortine sind in diesem Bereich aktiv, und auch auf der Ebene ihrer Regulation könnten genetische Defekte die Energiehomöostase und die Regulation des Körpergewichtes beeinflussen.
Essen ist nicht nur Sättigung, sondern auch Genuss
Dennoch: Nur in den wenigsten Fällen dürften es tatsächlich die Gene eines Individuums sein, denen die „Schuld“ am Übergewicht zuzuweisen ist. Viel bedeutsamer scheinen erworbene Regelmechanismen zu sein, und diese bauen sich nach Prof. Joachim Westenhöfer (Fachbereich Ökotrophologie der Fachhochschule Hamburg) schon von den ersten Lebenstagen an auf. Denn Essen ist nicht nur die Befriedigung von Hunger, sondern zugleich auch Genuss, und das Essverhalten, das schließlich an der Mutterbrust beginnt, ist nach Westenhöfer immer eingebettet in einen sozialen und in einen emotionalen Bezug.
Die Grundsteine des Ernährungsverhaltens liegen damit in der frühesten Kindheit, und sie werden durch eine zutiefst menschliche Fähigkeit, nämlich die Fähigkeit zu lernen, beeinflusst. Drei Prozesse spielen nach Westenhöfer dabei eine zentrale Rolle:
- Dadurch, dass Menschen immer wieder etwas essen oder ausprobieren, gewöhnen sie sich langsam an einen Geschmack und lernen, ihn zu lieben.
- Durch Eltern, Geschwister und Gleichaltrige, bei denen Speisen und Getränke Anerkennung oder Missachtung finden, wird eine soziale Komponente vermittelt.
- Physiologische Konsequenzen der Nahrungsaufnahme verändern Erwartungen und damit auch Präferenzen oder Aversionen gegen bestimmte Nahrungsmittel und Geschmäcker.
Eng sind nach Westenhöfer die Beziehungen zwischen dem Essverhalten und dem psychischen Befinden. „Menschen essen, um zu feiern, um sich zu belohnen, um sich zu entspannen oder um sich zu trösten“, sagte Westenhöfer. Derartige emotionale Ausdrucksformen gehören zu einem normalen Essverhalten dazu, problematisch aber werden sie, wenn Menschen in Bezug auf einzelne dieser Funktionen nicht mehr über Handlungsalternativen zum Essen verfügen. Dann nämlich ist eine übersteigerte Nahrungsaufnahme (zum Beispiel, um sich zu trösten) programmiert, und dem Übergewicht wird der Weg geebnet.
Besonders komplex sind die Zusammenhänge zwischen Stress und Essverhalten, zu den physiologischen Reaktionen auf Stress gehört eine Drosselung aller mit der Verdauung und der Nahrungsaufnahme in Zusammenhang stehenden Prozesse und damit auch eine ausgeprägte Minderung des Appetits, ein Phänomen, das im Volksmund gut bekannt ist (etwas schlägt auf den Magen). Aufgrund von Lernprozessen reagieren nicht wenige Erwachsene heutzutage aber genau umgekehrt, in Stresssituationen wird vermehrt Appetit gespürt und auch vermehrt gegessen, ebenfalls ein Phänomen, das auf Dauer Übergewicht provoziert.
Stress hemmt kognitive Kontrolle des Essverhaltens
Eine solche Reaktionsweise findet sich vor allem bei „gezügelten Essern“, also bei Menschen, die langfristig versuchen, ihre Nahrungsaufnahme bewusst einzuschränken, um abzunehmen oder um wenigstens nicht zuzunehmen. Westenhöfer: „Beim gezügelten Esser kann das System der kognitiven Kontrolle des Essverhaltens durch Stress gehemmt und außer Kraft gesetzt werden. Infolge eines solchen Kontrollverlustes kommt es in Belastungssituationen dann im Vergleich zu der sonst praktizierten Einschränkung der Nahrungsaufnahme zu einer kompensatorisch erhöhten Nahrungszufuhr.“
Ein Schlüssel gegen das Übergewicht liegt damit automatisch in der Prävention, die im Idealfall bereits im Kindesalter anzusetzen hat. Dann nämlich werden zentrale Geschmacksvorlieben gebahnt, das Kost- und Ernährungsverhalten, der spätere Konsum- und Lebensstil wird geprägt. Von zentraler Bedeutung in dieser Zeit ist nach Dr. Sabine Schmidt (Institut für Ernährungswissenschaften der Universität Gießen) die Verfügbarkeit von Lebensmitteln. „Kinder lernen zu essen und zu mögen, was sie kennen, also das, was in der Umgebung häufig verfügbar ist“, so die Ernährungswissenschaftlerin. Statt Fleisch und Wurst sollte deshalb regelmäßig Obst und Gemüse angeboten werden, da diese Nahrungsmittel dann auch im späteren Leben eher gewählt werden.
Auf die natürlichen Instinkte der Kinder vertrauen
Von ausschlaggebender Bedeutung aber ist nach Schmidt ein weiterer Punkt: Es muss angestrebt werden, die natürliche Wahrnehmung von Hunger und Sättigung zu erhalten und zu stärken. Statt der üblichen Aufforderung an die Kinder, mehr zu essen oder gar den Teller leer zu essen, sollte man im Alltag bei der Erziehung mehr auf die natürlichen Instinkte und die physiologische Regulation vertrauen und Kinder nicht zur Nahrungsaufnahme motivieren. Schmidt: „Das Auffordern zum Essen verringert bei den Kindern das Gespür für das Sattsein, weil die elterliche Zuwendung und Autorität in diesem Moment als wichtiger empfunden wird als die eigene Sättigung.“ Schon durch solch einfache, aber wiederholte Signale kann, möglicherweise bei entsprechender genetischer Prädisposition, ein wesentlicher Grundstein für die spätere Entwicklung einer Adipositas gelegt werden.
Wenngleich diese neuen Forschungsaspekte bislang nur bedingt Hilfen für die Therapie adipöser Erwachsener in der Praxis liefern, bieten sie doch ein erhebliches Potenzial in Bezug auf die Ernährungsberatung betroffener Familien. Dabei aber handelt es sich um einen höchst relevanten Aspekt: Immerhin ist derzeitigen Erhebungen in Deutschland zufolge rund jedes sechste Kind zum Zeitpunkt der Einschulung eindeutig übergewichtig. Christine Vetter


Mit dem Bild „Ohne Worte“ hat Dr. Rita Böing aus Korschenbroich den Publikumspreis 2000 der Aeskulap-malt-Ausstellung gewonnen, die im Mai anlässlich des 48. Deutschen Ärztekongresses in Berlin zu sehen war.

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