ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2000Ethik in der Medizin: Der Arzt als „Steuermann“

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Ethik in der Medizin: Der Arzt als „Steuermann“

Dtsch Arztebl 2000; 97(43): A-2832 / B-2428 / C-2256

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Mediziner und Pflegepersonal auf der Suche nach einer neuen Identität

Die Suche nach der Identität von Berufsgruppen sei kein überzogener Luxus oder überflüssige Selbstbezogenheit. Vielmehr sei sie im Bereich der Heilberufe Grundlage für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit von Ärzten und Pflegenden zu ihren Patienten. Dieses Vertrauen scheint, so Dr. med. Stephan Sahm, Wiesbaden, heute vielfältig bedroht. Mit der Thematik „Heilberufe auf der Suche nach ihrer Identität“ beschäftigte sich die Akademie für Ethik in der Medizin auf ihrer Jahrestagung in Frankfurt am Main.
Besonders problematisch scheint oft die Zusammenarbeit zwischen Pflegepersonal und Ärzten zu sein. Mehr als eine Million Pflegepersonen seien in Deutschland tätig; sie bildeten die größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen. Dennoch erlebten sich Krankenschwestern oft als „ärztliche Hilfsdienste“, stellte die Medizinethikerin Irmgard Hofmann, München, fest. Ärztliches Handeln werde quasi als Expertenhandeln gesehen. Pflegende würden dagegen das ersetzen, worin die meisten Menschen im Normalfall ihre eigenen Experten seien. Dabei würde oft nicht anerkannt, dass es erhebliche Unterschiede in der professionellen Pflege gebe. Fehlende gegenseitige Anerkennung führe besonders bei den Pflegenden zu Demotivation, sagte auch Prof. Dr. med. Winfried Hardinghaus, Georgsmarienhütte. Ein Haupthindernis auf dem Weg zu einer besseren Kooperation zwischen Ärzten und Pflegepersonal sieht er allerdings in der mangelnden Kommunikation untereinander.
Aber auch in der Kommunikation mit den Patienten unterscheiden sich die Berufsgruppen voneinander. Dies erläuterte Dr. med. Giovanni Maio, Lübeck, anhand einer Untersuchung an österreichischen Krankenhäusern. Dort habe man festgestellt, dass sich professionsübergreifend die überwiegende Mehrheit der Befragten für eine umfassende Aufklärung der Patienten ausspricht. In beiden Berufsgruppen besteht Einigkeit darüber, dass die Erstaufklärung in den Verantwortungsbereich des Arztes falle. Und doch wird Aufklärung nicht zur rein ärztlichen Aufgabe gemacht. Vielmehr findet nach Auffassung der meisten Befragten eine Rollenverteilung statt: Der Arzt klärt auf, die Pflegekraft betreut nach.
Zu dieser pflegespezifischen unterstützenden Nachbetreuung gehöre nach Ansicht der Pflegenden die seelische Unterstützung genauso wie die Beantwortung offener Fragen und die Übersetzung des ärztlichen Sprachcodes in eine patientengerechte Sprache. Die Untersuchung stützt das stereotype Bild des Arztes als Überbringer der „harten“ Diagnose und der Pflegekraft als seelische Betreuung, so Maio.
Das Motiv der Fürsorge sei traditionell die Motivation des Handelns der Pflegekräfte, stellte Dr. med. Gerald Neitzke, Hannover, fest. Für Ärztinnen und Ärzte steht dagegen traditionell das Heilen als Motivation ihres Handelns im Vordergrund. Diese Motivationen wirkten identitätsstiftend nach innen und gleichzeitig abgrenzend nach außen. Sie führten zu einem Konkurrenzverhalten der einzelnen Berufe in der Medizin untereinander, folgert Neitzke. Er plädiert für eine gemeinsame Motivation, die sich am ehesten als „Begleitung kranker Menschen in ihrem Kranksein“ beschreiben lasse. Eine an dieser gemeinsamen Motivation orientierte Identität aller Berufsgruppen in der Medizin ermögliche die Teamarbeit.
Der Hauptgeschäftsführer der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Christoph Fuchs, empfiehlt den Ärzten ebenfalls, trotz der zahlreichen Schwierigkeiten, denen sie gegenüberstehen, sich nicht nur als Heiler und Macher zu verstehen, sondern auch als Begleiter und, wo nötig, als „Steuermann“. Fuchs fordert als identitätsstiftende Motivation „die so wichtigen Aussagen der Berufsordnung zum Patienten-Arzt-Verhältnis oder die ethischen Positionen, die die Ärzteschaft interprofessionell entwickelt hat, auch wirklich zu kennen“. Sie sollten so in die ärztliche Praxis einfließen, dass sie den Patienten auch nützten, forderte Fuchs. Es stimme ihn nachdenklich, wenn er feststellen müsse, dass die Grundsätze zur ärztlichen Sterbebegleitung der Bundes­ärzte­kammer von der Mehrzahl der Pflegekräfte gelesen und beachtet wurden, ein Großteil der Ärzte diese Grundsätze jedoch nicht kenne. Wenn es gelinge, Wertebeständigkeit und Fähigkeit zum Ordnungswandel in ärztliches Handeln einfließen zu lassen, bräuchte man auch kein neues ärztliches Selbstverständnis.
Positive Ansätze für eine verbesserte Zusammenarbeit stellte Annette Laupert, Frankfurt am Main, vor: In vielen Diskussionen mit allen Mitarbeitern wurden in den Jahren 1996 und 1997 am Zentrum für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie des Klinikums der Johann Wolfgang Goethe-Universität gemeinsame Zielvorstellungen „zum Wohle der Patienten“ entwickelt (siehe Abbildung). Gisela Klinkhammer


An diesem „Leitbild“ versuchen sich alle Mitarbeiter der Kinder-Onkologie in Frankfurt zu orientieren.
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