ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2000Notfallmedizin: Fortbildungsbedarf

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Notfallmedizin: Fortbildungsbedarf

Dtsch Arztebl 2000; 97(44): A-2900 / B-2464 / C-2308

Bühring, Petra

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LNSLNS In der Krisenintervention bei Angstpatienten und Suizidgefährdeten besteht bei vielen Notärzten im Rettungsdienst Unsicherheit.

Psychiatrische Notfälle stehen mit rund neun Prozent an dritter Stelle der Einsatzursachen für Notärzte im Rettungsdienst. Angstsyndrome, Erregungszustände, Entzugssyndrome und Suizidalität sind dabei etwa gleich häufig. Notärzte verfügen in der Regel jedoch nur über geringe psychiatrische Kenntnisse, da sie sich zum größten Teil aus anderen Fachgruppen (Chirurgie, Anästhesie, Innere Medizin) rekrutieren. Das Curriculum der Bundes­ärzte­kammer schreibt im Fachkundenachweis Rettungsdienst nur 45 Minuten für psychiatrische Notfälle vor. Dies sei zu wenig, meint Dr. med. Frank König, Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik, Psychotherapie Gunzenbachhof, Baden-Baden. „Es besteht eine große Unsicherheit in der Gesprächsführung mit Angstpatienten und Suizidgefährdeten und auch in Rechtsfragen. Im Bereich der Notfall-Krisenintervention klafft eine Lücke in Deutschland.“
Eine Hamburger Studie, die Notärzte zu psychiatrischen Notfällen befragte (Pajonk et al., 1998), bestätigt Königs Annahme: 14 Prozent fühlten sich überfordert; 73 Prozent sehen einen Fortbildungsbedarf, ältere erfahrene Ärzte signifikant mehr. Die große Nachfrage lässt nach Ansicht der Autoren Rückschlüsse auf die Psychohygiene der Rettungsdienstleistenden zu: Nach einer erfolglosen Intervention – Person springt trotzdem vom Fensterbrett – ist eine posttraumatische Belastungsstörung wahrscheinlich. Doch gerade im Rettungsdienst gebe es Widerstände, psychische Probleme zuzugeben, um das Image des jederzeit einsatzbereiten kompromisslosen Helfers aufrechtzuerhalten. Ohne Hilfe, zum Beispiel in Form von Stressmanagement-Training, könne sich das Trauma jedoch leicht pathologisch manifestieren.
Die Unsicherheit im Rettungsdienst hat Auswirkungen auf die Versorgung der Patienten. Nur 42 Prozent der befragten Hamburger Notärzte stellten die richtige Diagnose; 66 Prozent hatten eine richtige stationäre Einweisung erwirkt. Die Trefferquoten bei schizophrener und manischer Psychose lagen deutlich höher. Die große Gruppe der Angstpatienten und Suizidgefährdeten sei nach 19 Uhr nicht mehr ausreichend versorgt, klagt König. Die Anrufe bei den Rettungsleitstellen häufen sich besonders in den Nachtstunden.
Notfallseminare mit Schwerpunkt Neurologie und Psychiatrie können die Wissenslücke füllen. Als wissenschaftlicher Leiter hat König in diesem Jahr bereits vier dieser zweitägigen Fortbildungssemimare veranstaltet. Diese sind von den Lan­des­ärz­te­kam­mern zertifiziert. Themen: Einschätzung der Suizidalität, Angst und Erregung, Rechtsfragen im Notfalleinsatz. Petra Bühring


Veranstalter: SMCO Notfallseminare, Alemannenstraße 10, 88069 Tettnang, Tel.: 0 75 43-50 09 00, Fax: 50 09 01


Grund des Einsatzes der Notärzte hier: ein vorbereiteter Suizidversuch
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