ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2000Nachdenken über neue Strukturen: Der Vorsitzende der KV Nord-Württemberg, Dr. med. Werner Baumgärtner, setzt auf die Zukunftsoption Medi-Verbund

POLITIK

Nachdenken über neue Strukturen: Der Vorsitzende der KV Nord-Württemberg, Dr. med. Werner Baumgärtner, setzt auf die Zukunftsoption Medi-Verbund

Dtsch Arztebl 2000; 97(44): A-2906 / B-2468 / C-2312

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS DÄ: In der gesundheitspolitischen Diskussion werden die KVen mitunter schon zu Auslaufmodellen erklärt. Teilen Sie diese Ansicht?
Baumgärtner: Ich bin der Meinung, dass die KVen durchaus eine Zukunft haben. Allerdings ist es tatsächlich so, dass sowohl die politisch Verantwortlichen als auch viele Ärzte die KVen fast schon zu Auslaufmodellen erklärt haben. Ich könnte mir vorstellen, dass bei einer gesetzlichen Neustrukturierung der Vertragspartnerschaft zwischen Krankenkassen und KVen ein Wettbewerb im Bereich der Wahlleistungen stattfinden würde; dann hätten die KVen eine Vertrags- und Ordnungsfunktion im Grundleistungskatalog. Das würde ich schon als sinnvoll ansehen, auch unter der Prämisse, dass die Patientenversorgung regional gleichmäßig organisiert sein sollte. Wir sollten dennoch darüber nachdenken, dass wir vielleicht schon kurzfristig ohne diese körperschaftliche KV-Struktur, ohne dieses Ärztekartell der KVen, auskommen müssen und wie wir uns neu organisieren können. Im Augenblick würde ich die KVen, um das ganz klar zu sagen, niemals freiwillig aufgeben.
DÄ: Gibt es eine bewusste Strategie der Politik, die KVen aufzulösen?
Baumgärtner: Es gibt eine ganz konkrete Strategie der Kassen, an den Sicherstellungsauftrag zu kommen, und zwar dort, wo sie es wollen. Die Politik ist damit einverstanden, weil sie damit die KVen schwächt. Früher hatten wir gleich lange Spieße zwischen den Krankenkassen und den KVen. Von diesem stabilen System gleich starker Verhandlungspartner auf dem Markt profitierte auch der Patient.
DÄ: Gesundheitspolitisch-strategische Erwägungen haben zunächst den Ausschlag für die Gründung des Medi-Verbunds gegeben. Welche Vorteile hat der Arzt vor Ort, den diese Erwägungen eher marginal interessieren?
Baumgärtner: Medi-Verbund hat alles, was mit Honorarverhandlungen zu tun hat, an die KV abgegeben. Der Verbund verhandelt nicht selbst mit den Krankenkassen, sondern es geht alles über die KV. Dadurch haben wir bessere Verträge, und zwar für alle.
DÄ: Medi-Verbund wird demnach auch als Drohpotenzial von den Verhandlungspartnern wahrgenommen?
Baumgärtner: Ganz klar. In Verhandlungen mit den Primärkassen haben wir mehr und mehr Leistungen zu festen Punktwerten ausbudgetieren können. Das führt dazu, dass die Ärzte, wenn sie mehr leisten, dies auch in ihrem Gesamtergebnis wiederfinden. Auf die im letzten Vertrag mit der AOK erzielte Vereinbarung – die Ärzte übernehmen bei den veranlassten Leistungen mehr Verantwortung, die Krankenkasse trägt über ausbudgetierte Leistungen das Morbiditätsrisiko mit – können Sie als KV-Chef nur eingehen, wenn Sie wissen, dass die Ärzte, die Sie vertreten, auch einheitlich handeln und das dann auch umsetzen.
DÄ: Das könnten Sie nicht allein mit den KV-Strukturen?
Baumgärtner: Nein. Das sehen Sie doch in anderen Bereichen. Wir haben überall diesen hausärztlich-fachärztlichen Konflikt, und wenn Sie dazu auffordern, nur noch Generika aufzuschreiben oder alles, was möglich ist, ambulant durchzuführen, dann haben Sie sehr schnell das Problem, dass die einzelnen Ärzte-Gruppen nicht miteinander kooperieren. Wir haben eine Mehrheit innerhalb unserer KV, die zur Kooperation bereit ist. Das sind inzwischen mehr als 60 Prozent, und es gibt noch viele, die damit sympathisieren, die aber ein bisschen träge sind und deshalb noch nicht mitmachen. Die Szene, die Sie in Nord-Württemberg vorfinden, unterscheidet sich elementar von der innerärztlichen Szene in anderen KVen. Dafür ist letztlich die Zukunftsoption Medi verantwortlich. Wir haben den Ärzten eine klare Zukunftsoption gegeben: Die heißt fachübergreifende Zusammenarbeit.
DÄ: Wie bringen Sie als KV-Chef den Medi-Verbund in die Verhandlungen mit den Krankenkassen ein? Wie sieht das Drohpotenzial konkret aus?
Baumgärtner: Wenn Sie die Kataloge der ambulanten Operateure im Medi-Verbund anschauen, steht dort auf der ersten Seite, dass Ersatzkassenpatienten, für die es keine ausbudgetierten Leistungen für ambulante Operationen gibt, nach Ausschöpfung des Budgets entweder auf Wartelisten kommen oder stationär eingewiesen werden, wenn es prekär ist. Das kann man als Drohpotenzial bezeichnen. Natürlich wollen wir aber die Dinge nicht über Drohungen, sondern über Zusammenarbeit, also über Vertragspartnerschaft, lösen. Das bedeutet ein gleichberechtigtes Geben und Nehmen. So können wir etwa den Krankenkassen anbieten: Ihr vergütet den Kernbereich der Patientenversorgung, die ärztliche Behandlung, besser, und wir garantieren im Gegenzug, dass bei den veranlassten Leistungen Strukturen geschaffen werden, die einen wirtschaftlichen Vorteil für die Krankenkassen nach sich ziehen.
Eines ist klar: Wenn der bestehende Zweijahresvertrag mit der AOK abgelaufen sein wird, werden wir mit Sicherheit auch über einen strukturierten Vertrag reden, bei dem Medi-Verbund eine Rolle spielt. Denn wir können heute gesonderte Verträge abschließen für eine bestimmte Gruppe von Ärzten, die wirtschaftlich arbeitet oder besonders gut mit dem Krankenhausbereich kooperiert. Das sind Übungen, die wir in der Zukunft beherrschen müssen. Wir müssen in der Lage sein, weg von diesen starren Vertragssystemen zu kommen.

DÄ: Und was passiert mit den Ärzten, die nicht dem Medi-Verbund angeschlossen sind? Die stehen doch dann ziemlich dumm da, wenn es tatsächlich separate Verträge gibt.
Baumgärtner: Da ist meine Argumentation ganz einfach: Gäbe es Medi nicht, stünden alle Ärzte ziemlich dumm da. Ginge es nach den Wünschen von Herrn Schulte-Sasse oder von Frau Fischer, sollen 30 Prozent der niedergelassenen Ärzte durch den Wettbewerb im System wegrationalisiert werden. Die große Mehrheit der Ärzte wird sich in den Medi-Verbund einbringen können. Diejenigen, die nicht drin sind, haben entweder Einzelinteressen, die sie vielleicht in direkten Verträgen mit den Kassen besser umsetzen können, oder sind aus anderen Gründen bereit, wirtschaftliche Nachteile in Kauf zu nehmen.

DÄ: Können Sie sich den Aufbau eines ähnlich strukturierten Medi-Verbunds in anderen Ländern vorstellen – auch gegen den Willen der KV-Führung?
Baumgärtner: Ich denke, dass in einem ersten Schritt die Initialzündung ohne KV-Beteiligung funktionieren kann. Wenn diese Zündung erfolgreich verläuft, wenn sich die Ärzte auf lokaler Ebene organisieren und Leben in die neuen Strukturen bringen, dann wird das auch Auswirkungen auf die jeweilige KV haben. Die KV wird entweder auf diesen Zug aufspringen, oder es wird einen Personalwechsel in der KV geben. Diejenigen, die die neuen Strukturen vorangebracht haben, werden die neuen Ideen auch in die KVen hineinbringen.

DÄ: Sie glauben, dann sind die Wahlergebnisse entsprechend?
Baumgärtner: Natürlich, wenn neue Ideen kommen, dann müssen diese neuen Ideen auch in die Körperschaften hinein. Das wäre fatal, wenn sie draußen blieben.
DÄ-Fragen: Thomas Gerst
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema