ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2000Klinisches und sonographisches Screening der Säuglingshüfte: Schlusswort

MEDIZIN: Diskussion

Klinisches und sonographisches Screening der Säuglingshüfte: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2000; 97(44): A-2953 / B-2292 / C-2088

Niethard, Fritz U.

zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Fritz U. Niethard Priv.-Doz. Dr. med. Klaus-Peter Günther Prof. Dr. med. Rüdiger von Kries Dr. phil. Peter Allhoff Dr. rer. soc. Lutz Altenhofen in Heft 23/2000
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LNSLNS Herr Reither stellt die Effizienz des derzeitigen Screening-Programms infrage, weil der Untersuchuchungszeitpunkt zu spät läge und die Kosten des Screening größer sein dürften als die einer Spätbehandlung der Hüftgelenkdysplasie.
Dieser Kritikpunkt hat den wissenschaftlichen Beraterstab als auch die Kostenträger bewogen, von Anfang an eine Evaluation des derzeitigen Screening-Programms durchzuführen. Aus ärztlicher Sicht wäre ein klinisches und sonographisches Screening unmittelbar nach der Geburt und im dritten Lebensmonat wünschenswert gewesen. Die jetzige Verfahrensweise war eine Kompromisslösung, um überhaupt ein Screening-Programm zu etablieren.
Die Studie über dieses Programm in der Bundesrepublik Deutschland ist besonders wichtig, weil eine Evaluation dieses Prozesses bisher nicht stattgefunden hat. Andererseits haben Untersuchungen in Österreich gezeigt, dass die zweimalige sonographische Untersuchung durch eine große Anzahl unnützer Zweituntersuchungen belastet ist, sodass man nachträglich das in Deutschland etablierte Verfahren propagiert (Müller, Grill). Die Behauptung des Kollegen Reither, dass das derzeitige Verfahren teurer sei als die Spätbehandlung, ist nicht belegt. Die Untersuchungen von Moffet zeigen vielmehr, dass das sonographische Screening erheblich günstiger ist als die aus dem Aufwand der Spätbehandlung entstehenden Gesamtkosten. Gegenteilige Untersuchungen liegen bisher nicht vor.
Die Vermutung von Herrn Reither, dass anfänglich normale und später pathologisch werdende Hüftgelenke nur einer nicht ausreichenden klinischen beziehungsweise sonographischen Untersuchung anzulasten sind, kann ebenfalls nicht unterstützt werden. Es ist Basiswissen der Orthopädie, dass sich Hüftdysplasien infolge externer mechanischer Faktoren entwickeln (40 Prozent Hüftgelenkluxationsrate bei Eskimos, die die Säuglinge unmittelbar postpartal in gestreckter Stellung der Hüftgelenke wickeln). Fettweis hat belegen können, dass die erzwungene Streckstellung des Hüftgelenks aus einem normalen ein pathologisches Sonogramm machen kann.
Dem Statement von Herrn Tschauner kann nicht in vollem Umfang gefolgt werden, wenn es heißt, dass die „ursprüngliche und heute unverän-
dert gültige Grafsche Klassifikation für die klinische Routine weiterhin ein brauchbares und ausreichend sicheres Instrument in der Mehrheit der Anwender ist“. Die Klassifikation muss nämlich nicht nur für die Mehrheit, sondern für alle in einheitlicher Form gelten. Die Klassifikationsschwierigkeiten ergeben sich durch die von Tschauner bestätigte spontane Reifungsdynamik, die in den ersten drei Lebensmonaten besonders groß ist.
Wenn die sonographische Untersuchung in der sechsten Lebenswoche stattfindet, liegt sie also inmitten dieser dynamischen Entwicklung. Die prognostische Beurteilung von Grenzfällen wird damit prinzipiell schwierig. Den von Tschauner geforderten Konsequenzen einer verbesserten Ausbildung und vereinfachten Leitlinien ist ohne Einschränkung zuzustimmen.

Prof. Dr. med. Fritz U. Niethard
Orthopädische Universitätsklinik
Klinikum der RWTH Aachen
Pauwelstraße 30, 52074 Aachen

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