ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2000DaimlerChrysler: Deutsches Debakel

VARIA: Schlusspunkt

DaimlerChrysler: Deutsches Debakel

Dtsch Arztebl 2000; 97(45): [56]

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Die wichtigste Tugend, die DaimlerChrysler-Aktionäre derzeit aufbringen müssen, kann nur Geduld heißen. Besser wäre möglicherweise, unerschrocken Mut zutage zu fördern und die Aktie nach langer Durststrecke einfach zu verkaufen.
Einfach? Das sagt sich natürlich hier ganz locker, wer aber auf Verlusten von 30 oder 40 Prozent sitzt und Monate schon am auszehrenden Kurs leidet, der mag sich mit einer Verkaufsentscheidung ziemlich schwer tun, zugegeben.
Erst recht, wenn es sich bei der havarierten Aktie wie bei DaimlerChrysler um einen deutschen BlueChip handelt und der innere Börsenschweinehund einem ständig „Das kann doch alles nicht stimmen, Daimler ist so ein erstklassiger Wert, der muss doch einfach wieder steigen“ einflüstert.
Wie auch immer, DaimlerChrysler hat meiner Meinung nach genau den Börsenkurs, den das deutsch-amerikanische Firmengebilde verdient. Die aktuelle Bewertung spiegelt nichts anderes wider als die Tatsache, dass sich ein Unternehmen der deutschen Spitzenklasse strategisch völlig verhauen hat.
Heute ist klar, dass die Fusion Daimler mit Chrysler eine fatale Fehlentscheidung gewesen ist. Wer nämlich genau nachrechnet, stellt fest, dass bei einem aktuellen Kurs von etwa 52 Euro je Aktie Daimler (mit Chrysler) genauso viel wert ist wie vor der Fusion (ohne Chrysler).
Schlechte Meldungen purzeln in diesen Tagen nur so auf die Stuttgarter Konzernzentrale ein. In Amerika müssen für eine Woche sieben Werke geschlossen werden, um die riesigen (unverkauften) Autohalden nicht noch mehr anwachsen zu lassen. Eine Rückrufaktion von 1,4 Millionen Minivans wegen undichter Benzinleitungen dürfte gewaltige Summen verschlingen.
Die Frage ist bloß, berücksichtigt der aktuelle Börsenkurs nur die schlechte jüngste Vergangenheit oder auch die möglicherweise noch kritischere Zukunft? Persönlich sehe ich die Aussichten eher noch schwärzer als bisher. Der Kampf um die Autoklientel dürfte sich in den USA noch verschärfen. Die Subventionskosten pro Kunde und Auslaufmodell belaufen sich bereits heute auf 3 500 Dollar, Tendenz steigend.
Von der vom Vorstandsvorsitzenden Jürgen E. Schrempp ausgegebenen Parole, der profitabelste Automobilhersteller der Welt zu werden, ist DaimlerChrysler jedenfalls weit entfernt. Eine durchgreifende Besserung können Aktionäre auf kurze Sicht nicht erwarten. Gleichwohl würde ich das Verlustrisiko der Aktie bei etwa 15 Prozent einschätzen. Meiner Meinung nach dürfte sich die Börsennotiz auf mindestens 15 Monate nicht nachhaltig verbessern. Weiter leiden oder weg mit Schaden sind zwei Alternativen, die jeder Anleger für sich selbst entscheiden muss. Einfach wird der Entschluss sicher nicht.
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