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LNSLNS Was macht ein Autoverkäufer, wenn ein Kunde ihm Geld auf den Tisch legt und nach einem zufriedenstellenden Wagen verlangt? Ohne Präzisierung der Wünsche, etwa zu Platzangebot, Benzinverbrauch und Farbe, würde der Verkäufer in der Auswahl leicht danebengreifen und letztlich einen unzufriedenen Kunden haben.
Diese Situation haben wir im Gesundheitswesen. Das, was man bezahlen will, wird genannt: Beitragsstabilität soll die Ausgaben für das Gesundheitswesen bestimmen. Nicht aber definiert wird bislang, was man haben will. Dabei gibt es vieles: Transplantationen und Dialyse für alle, deren Organe versagen (bei vielen von uns werden Herz, Lungen oder Nieren im Alter aufhören zu funktionieren), Herzkatheter und Bypass-Operationen, Hüftersatz, ein dicht geknüpftes Notarzt-Rettungswesen, kurze Wartezeiten, Wachstumshormonbehandlung gegen Kleinwuchs und das Altern, Zweibettzimmer in allen Krankenhäusern, Partizipation an der medizinischen Weiterentwicklung, dichte psychosoziale Betreuung. Damit sind einige der kostenträchtigen Faktoren genannt.
Die Kranken, die gesund werden, und die Gesunden, die gesund bleiben wollen, sind die Wähler, deren Vertreter im Bundestag sitzen. Es sind die Versicherten, die in demokratisch gewählten Gremien der Krankenkassen bestimmen können, was Sache ist. Der Bundestag und die Krankenkassen müssen festlegen, was sie für das vorhandene Geld haben wollen. Nicht jedoch darf dies Aufgabe der Ärzte sein, und zwar aus zwei Gründen: Ärzte profitieren selbst und unmittelbar von der Anwendung dessen, was sie verschreiben. Ärzte müssen Anwälte ihrer Patienten, die mit Vertrauen und mit einem Behandlungsauftrag zu ihnen kommen, sein. Sie sind nur begrenzt auch für die Finanzierbarkeit des Gesundheitssicherungssystems zuständig.
Fordert man Beitragsstabilität – es gibt wichtige volkswirtschaftliche Argumente dafür, die Ausgaben für das Gesundheitswesen zu begrenzen –, dann muß analysiert werden, was man sich für das vorhandene Geld leisten kann. Dazu gehört auch, daß überprüft wird, ob die Ressourcen wirtschaftlich verwendet werden, ob die Ärzte zuviel verdienen und ob die Krankenhäuser sparsam wirtschaften.
Dann könnten die Betroffenen – die sowohl Einzahler als auch Leistungsempfänger sind – sagen, ob es ihnen paßt.
Bei uns geschieht aber anderes. Ich bin als Arzt im Krankenhaus tätig, und ich bin von dem unredlichen und potentiell schädlichen Diskussionsduktus betroffen und verletzt. Betrachten wir die Krankenhauskosten:
Die Personalkosten liegen bei 70 bis 75 Prozent. 1990 wurde viel über den Pflegenotstand geklagt. Es wurde eine Pflegepersonalregelung erlassen, die eine stufenweise Aufstockung des Pflegepersonals vorsah. Heute gibt es mehr Krankenschwestern als im Jahr 1990, und es gibt keinen Pflegenotstand mehr. Hierin liegt der Hauptfaktor für die Ausgabensteigerung im Krankenhaussektor. Das wissen der Bundesminister für Gesundheit und die Krankenkassen. Aber bei ihrem "kesseltreibenartigen" Beklagen der Krankenhauskosten wird das nicht erwähnt. Das ist unredlich.
Die Krankenhäuser wirtschaften 1996 immer noch mit dem für 1992 vereinbarten Budget, erhöht um die tarifrechtlich bedingten Gehaltssteigerungen, ohne Zunahme, ohne Berücksichtigung auch der gestiegenen Lebenshaltungskosten. Auch das wissen der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter und die Krankenkassen, auch das fällt unter den Tisch.
In der geltenden dualen Krankenhausfinanzierung sind die Länder für lang- und mittelfristige Finanzierungsmaßnahmen verantwortlich. Das betrifft Bau- und Instandhaltungsmaßnahmen und Geräte. Die Länder haben wenig Geld und haben in den vergangenen drei Jahren auf diesem Gebiet kaum etwas getan. Das ist bekannt, aber es wird von den Diskussionspartnern verschwiegen.
Man muß es nur oft genug sagen, und dann wird es schon allgemein geglaubt: "Die Krankenhäuser sind die bedeutenden, egoistischen, unverantwortlichen, preistreiberischen Geldverschwender." Diese Behauptung ist falsch.
Richtig hingegen ist die Aussage, daß eingreifende Kurskorrekturen nötig sind, weil das Gesundheitssicherungssystem sonst einem Fiasko entgegensteuert. Die Zahl der Leistungsempfänger nimmt zu, wofür Zuwanderung und Verschiebung der Altersstruktur hauptsächlich verantwortlich sind. Das therapeutische Angebot wird breiter und besser (die Klagen, daß die Gesundheit der Bevölkerung immer schlechter werde, sind falsch).
Entweder werden wir deutlich mehr für die Medizin ausgeben müssen, oder wir werden die Leistungen beschränken müssen. Es wird auf letzteres hinauslaufen.
Dazu können die Ärzte in der Behandlung der Patienten verpflichtet werden, und sie werden sich dann auch daran halten. Inhalte und Ausmaß der Beschränkung zu definieren obliegt denen, die die Leistungen bezahlen und erhalten. Ihre Vertreter stehen vor einer sehr schwierigen und undankbaren Aufgabe.
Prof. Dr. med. Karl Ernst von Mühlendahl, Osnabrück
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