ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2000Millennium-Tage in Kassel: Futurologie in der Medizin

POLITIK

Millennium-Tage in Kassel: Futurologie in der Medizin

Dtsch Arztebl 2000; 97(45): A-2982 / B-2525 / C-2246

Müller-von der Grün, Claus Peter

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LNSLNS Medizintechnik wird revolutioniert.

Das Internet verändert die Beziehung zwischen Arzt und Patient. Die US-amerikanischen Hochschulen treffen bereits Vorbereitungen, junge Ärzte auf diesen Wandel vorzubereiten. Unterdessen droht Deutschland wegen seiner Zögerlichkeit und Schwerfälligkeit medizintechnisch ins Hintertreffen zu geraten. Das waren zwei Botschaften der Kasseler Millennium-Tage, die der „Zukunft der Gesundheit“ gewidmet waren. Die Millennium-Tage wenden sich jeweils im Herbst Themen der Zeit an der Schwelle zum Jahrtausendwechsel zu.
Immer mehr Informationen
Eine Änderung der Beziehung zwischen Arzt und Patient sagte die Medizindidaktikerin Professor Dr. Elizabeth Armstrong von der Harvard Medical School voraus. Heute schon suchten 98 Millionen Amerikaner im Internet nach Gesundheitsinformationen. Mit dem Wissen um ihre Krankheit und dem Verlangen nach einer bestimmten Therapie konsultierten sie den Arzt. Der informierte und technisch gut ausgerüstete Patient könne sich selbst überwachen, zum Beispiel den Blutdruck messen. Angehörige könnten Aufgaben im Dienste der Patienten übernehmen. Armstrong sprach von der Notwendigkeit der Eigenvorsorge. Sie sagte, nun gelte es, die jungen Ärzte auf die neue Generation umfassend informierter Patienten vorzubereiten. Der Arzt müsse den Patienten helfen, die Fülle der Informationen zu sichten und zu gewichten. Um Kosten zu senken, sei es sinnvoll, die Therapie diagnostizierter Krankheiten, die eine standardisierte Behandlung erlaubten, von den Ärzten an das Pflegepersonal zu übertragen. Zwar ist die neue Technik in der Medizin teuer, aber die teure Technik erlaubt die Minderung der noch höheren Kosten. Die neue Hi-Tech benötige die Ergänzung durch Low-Tech. Die neuen Methoden müssten durch „high trained“ Personal, insbesondere bestens geschulte Pflegekräfte mit menschlichen Qualitäten, angewandt und somit ergänzt werden.
Indes warf Professor Dr. med. Dietrich Grönemeyer, Inhaber eines Lehrstuhls für Radiologie und Mikrotherapie an der Universität Witten-Herdecke, den Deutschen vor, den wahren volkswirtschaftlichen Wert ihres Gesundheitswesens zu verkennen. Das Gesundheitswesen zähle einschließlich der Pharma- und Medizintechnikindustrie 4,2 Millionen Beschäftigte. In der viel beachteten Autoindustrie arbeiteten dagegen nur 744 000 Beschäftigte. Durch das Setzen falscher Rahmenbedingungen und die mangelnde Bereitschaft, Investitionskapital bereitzustellen, würden Forscher samt ihren Ideen ins Ausland vertrieben. Grönemeyer warb in Kassel für „Med. in Germany“ als Qualitätsbegriff und Zukunftschance, welche die Kapitalanleger und die Selbstverwaltung von Leistungserbringern und Kassen, vor allem aber die Politiker vernachlässigten. Von Letzteren verlangte Grönemeyer die permanente Fortbildung in der Medizin, wenn die Politiker die Entwicklung des Gesundheitswesens mitgestalten wollten. Schließlich müssten sich auch die Ärzte fortbilden. Das Wissen in der Medizin veralte schnell.
Auch Professor Dr. med. Dr.-Ing. Michael Ungethüm, Vorstandsmitglied der Firma B. Braun Melsungen AG, schilderte die Deutschen zwar als technologisch oftmals führend, aber in der Anwendung neuer Verfahren als eher schwerfällig. In Amerika vergehe zwischen der Entwicklung eines neuen medizintechnischen Produktes und der Markterschließung etwa ein Jahr. In Deutschland seien es drei Jahre. Die B. Braun AG setzt mit Medizintechnik wie Implantaten und Infusionslösungen im Jahr weltweit etwa 4,5 Milliarden DM um. Sie ist Europas größter Krankenhausversorger und mit einem Marktanteil von 15 Prozent der international größte Hersteller von chirurgischen Instrumenten.
USA sondiert den Markt
Grönemeyer schilderte, dass immer mehr amerikanische Gesellschaften in Deutschland medizintechnische Ideen, Konzepte und Unternehmen aufkauften. Der starke Dollar beschleunigt nach seiner Einschätzung diese Entwicklung. Schon sollen 43 Prozent aller medizintechnischen Unternehmen in Europa amerikanischen Eigentümern gehören. Fachleute werden nach Grönemeyers Schilderung aus Deutschland abgeworben. Die amerikanischen Kapitalanleger sondierten den Markt der Medizintechnik im Gegensatz zu den deutschen sehr gründlich und seien rasch bereit zu investieren. Seine Klinik, die in der Entwicklung der Mikrotherapie, der Operation mithilfe kleinster Instrumente unter Einsatz modernster bildgebender Verfahren, international führend sei, bekomme die Flexibilität der Amerikaner zu spüren. In Deutschland räume die Politik den neuen Verfahren dagegen keine Chance ein, indem diese nicht hinreichend gegenüber den Versicherern abgerechnet werden könnten.
Zwar seien die Geräte zur Anwendung der neuen Methoden teuer. Aber die Politiker würden den gesamtwirtschaftlichen Nutzen nicht erkennen, sagte Grönemeyer. Durch mikroinvasive Methoden sei es an seiner Klinik gelungen, schon 40 Prozent der Bandscheibenoperationen ambulant auszuführen, berichtete Grönemeyer. Die Dauer der stationären Aufenthalte wegen Bandscheibenoperationen habe sich um 30 bis 40 Prozent verringert. Die Volkskrankheit Rückenleiden, die jährlich Behandlungskosten in Höhe von 20 Milliarden DM und einen weiteren Schaden in Höhe von 90 Milliarden DM durch Arbeitsausfälle verursache, oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen ließen sich wesentlich wirkungsvoller diagnostizieren und behandeln.
Die ultraschnelle Computertomographie biete ohne Einsatz des Katheters mit der Darstellung von Gefäßverengungen ein effektives Verfahren
zur Prävention von Herzinfarkten, an denen jährlich 90 000 Patienten in Deutschland sterben. Schon Jahre oder Jahrzehnte vor der krankhaften Schädigung würden Mikroverkalkungen mithilfe der Computertomographie sichtbar. Aber bis heute, zehn Jahre nach Einführung des Verfahrens, gebe es keine Abrechnungsnummer.
Konservative deutsche Medizin
Grönemeyer verwies auf die konservative Haltung der deutschen Medizin den Innovationen gegenüber. Die (zeitsparende) Endoskopie sei einst in Deutschland entwickelt, aber „verspielt“ worden. Ungethüm führte dies auf das Abrechnungssystem zurück, das den Krankenhäusern bisher keinen Anreiz setze, Patienten rasch zu entlassen.
Grönemeyer sagte, heute dominierten die japanischen Hersteller mit einem Anteil von 80 Prozent den Endoskopie-Markt mit seinem Volumen in Höhe von bis zu fünf Milliarden DM. Der Erfinder des Herzkatheters und spätere Nobelpreisträger Prof. Dr. med. Werner Forßmann sei wegen dieser Idee in Deutschland verhöhnt worden. Als Forßmann eine Arbeit zu dem Thema als Habilitationsschrift verfassen wollte, habe er zu hören bekommen: „Mit einem derart lächerlichen Kunststück habilitiert man sich vielleicht in einem Zirkus, aber nicht an einer ordentlichen deutschen Klinik.“
Ungethüm sagte die verbesserte Züchtung weiterer biologischer Werkstoffe für Implantate, Fortschritte in der Koppelung von Nervenzellen und eine fortdauernde Miniaturisierung der chirurgischen Instrumente voraus. Die klassischen Chirurgen seien die Verlierer, die Kardiologen und Radiologen, die die Veränderung rechtzeitig erkannten, die Gewinner dieser Entwicklung. Braun werde künftig noch mehr Prozesse statt Produkte verkaufen. Mit Erfolg kauften amerikanische Krankenhäuser von Braun Pakete, in denen zum Beispiel vom Tupfer über die Medikamente bis hin zu den chirurgischen Instrumenten alles Nötige für eine Gallenoperation enthalten sei. Dies senke die Kosten der Krankenhäuser um bis zu 50 Prozent, entlaste sie von logistischen Aufgaben und mindere ihre Kapitalbindung. Claus Peter Müller-von der Grün

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