ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2000Reproduktionsmedizin: „Befruchtung“ weit über den Fachbereich hinaus

POLITIK: Medizinreport

Reproduktionsmedizin: „Befruchtung“ weit über den Fachbereich hinaus

Dtsch Arztebl 2000; 97(45): A-2987 / B-2547 / C-2359

Leinmüller, Renate

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LNSLNS Anlässlich des 75. Geburtstages von Prof. Robert G. Edwards, dem wissenschaftlichen Vater des ersten IVF-Kindes, trafen sich Reproduktionsmediziner aus aller Welt zu einer Standortbestimmung.


Die Reproduktionsmedizin hat wie kaum ein anderes Fachgebiet weite Felder der Medizin befruchtet: Genetiker mussten um- und dazu lernen, Embryologen haben neues Rüstzeug gewonnen, Onkologen und Transplantationsmediziner können auf neue Therapieoptionen hoffen – und Zoologen gefährdete Tierarten nachzüchten. Die Ursache für die weitreichenden Konsequenzen liegt in der Totipotenz der Zellen des ganz frühen Embryos: Jede der ersten vier Zellen hat die Fähigkeit, zu einem eigenen Individuum heranzuwachsen. Die Differenzierung erfolgt dabei im Unterschied zu Krebszellen gesteuert. Den Schlüssel für eine kausale Therapie vieler Erkrankungen erhoffen sich Spezialisten deshalb von der Entschlüsselung der Regelungsmechanismen in den „Anfangsstadien“ und den involvierten Schritten bei der gezielten Entwicklung der verschiedenen somatischen Zelllinien und der Keimzellen.
„Fertilitätsversicherung“
Diese visionären Ideen wären undenkbar, hätte nicht ein hartnäckiger Forscher über zehn Jahre lang erfolglos versucht, der Befruchtung in vitro auf die Spur zu kommen – bis er 1978 zusammen mit seinem inzwischen verstorbenen Kollegen Patrick Steptoe die Geburt des ersten IVF-Kinds bekannt geben konnte: Prof. Robert G. Edwards, der Begründer der modernen Reproduktionsmedizin und assistierten Befruchtung. Anlässlich seines 75. Geburtstages haben hochkarätige Wissenschaftler bei einem Symposium des Unternehmens Serono International Zukunftsaspekte dieses Fachbereichs aufgezeigt. Akut sehen sich die Kliniker mit dem Erhalt der Fertilität oder einer „Fertilitätsversicherung“ bei Karzinompatienten/-patientinnen konfrontiert. Die Kryokonservierung von Gonadengewebe oder Gametenvorstufen sei jedoch noch weitgehend experimentell, so Prof. Roger Gosden (Montreal). Die Autotransplantation von kryokonserviertem Testgewebe scheitert bisher an der Gefäßversorgung nach Reimplantation, und Spendergonozyten zur Repopulation des Organs nach Chemotherapie sind schwer zu gewinnen und nicht zu reinigen. Bleibt das Einfrieren von Spermien vor der Therapie.
Bei der Frau dagegen bestehen Probleme beim Einfrieren von Eizellen und auch der anschließenden Befruchtung. Aussichtsreich, wenn auch erst experimentell, ist die Kryokonservierung von Ovarialgewebe aus kortikalen Schichten – wobei nach Replantation allerdings die Gefahr besteht, das Malignom zu reinduzieren.
Was tun, wenn Karzinompatientinnen trotzdem eine „Fertilitätsversicherung“ in Form von Ovarialgewebe haben wollen? Gosden stimmt dann zu, wenn keine andere Möglichkeit (etwa Stimulation der Ovarien und Einfrieren von Eizellen oder Embryonen) besteht. Allerdings nur in bestimmten Fällen: bei jungen Frauen mit entsprechend vielen Follikeln im Ovargewebe, bei Krebsformen mit hohen und langen Überlebenszeiten. Für unabdingbar hält er jedoch den Verweis darauf, dass es sich um eine rein experimentelle Methode handelt, deren Erfolg und Risiken ungewiss sind. Die Reproduktionsmedizin hat unzweifelhaft die Gameten „verfügbar“ gemacht – eine Voraussetzung für die Befruchtung, aber auch die Klonierung. Mit Dolly mussten sich Genetiker überzeugen lassen, dass diese Technik nicht nur mit Keimzellen, sondern auch mit somatischen Zellen funktioniert, wenn auch mit schlechter Ausbeute. Die Ursache wird im notwendigen Kerntransfer vermutet: Der Zellkern wird in eine entkernte Spender-Eizelle überführt, beide elektrisch fusioniert und aktiviert. Diese Technik wird allerdings nicht so schnell über uns „hereinbrechen“, denn entsprechende Versuche bei Maus und Schwein zeigen, dass die Natur wohl doch komplexer ist und die mechanistischen Ansätze recht erfolglos sind. Denn hier zeigt nur ein doppelter Kerntransfer bescheidene Erfolgsraten – wohl deshalb, weil die Befruchtung durch „Elektroschock“ eben doch anders verläuft als das Anstoßen der komplexen Fusions- und Aktivierungsprozesse durch ein Spermium. Überhaupt nicht abzuschätzen sind potenzielle Risiken infolge eines gestörten „genetic imprinting“ und Auswirkungen des fremden mitochondrialen Erbgutes aus dem Zytoplasma der Spendereizelle.
Mit der In-vitro-Fertilisation wurden auch toti- und pluripotente Zellen „zugänglich“, die (zumindest theoretisch) gezielt in somatische Zellen differenziert werden und dann spekulativ der Therapie von degenerativen oder erblichen Erkrankungen oder auch bei Verletzungen dienen können. Bei der Differenzierung embryonaler Stammzellen steht die Wissenschaft allerdings erst am Anfang. Dr. Renate Leinmüller


Das erste IVF-Kind auf dem Arm seines wissenschaftlichen Vaters: Prof. Robert G. Edwards

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