ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2000Chronische Wunden: Viel Geld für nichts?

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Chronische Wunden: Viel Geld für nichts?

Dtsch Arztebl 2000; 97(45): A-2992 / B-2552 / C-2364

Pirk, Olaf

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LNSLNS Teures Krankheitsbild Ulcus cruris

Rund 1,2 Milliarden DM jährlich werden allein für ambulante Leistungen für die Therapie des Ulcus cruris im Rahmen der Versorgung durch die Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) ausgegeben. Ein-schließlich der Ausgaben für den stationären Bereich kostet das Ulcus cruris die GKV etwa zwei Milliarden DM jährlich – kein großer Betrag im Vergleich zu den GKV-Gesamtausgaben von mehr als 260 Milliarden DM pro Jahr. Groß wird der Betrag erst dann, wenn die Wirksamkeit der eingesetzten Maßnahmen damit verglichen wird.
Bei etwa 30 Prozent, so schätzen deutsche Wundheilungsspezialisten, liegt im Durchschnitt die Wirksamkeit der eingesetzten Maßnahmen. Zu einem Problem wird dieser Betrag, wenn berücksichtigt wird, dass das Ulcus cruris und chronische Wunden hauptsächlich Erkrankungen älterer Patienten sind. Gerade unter dem Aspekt einer zunehmenden Überalterung der Gesellschaft dürfen diese Kosten nicht vernachlässigt werden.
Aber auch unter anhaltendem Kostendruck ist zu fragen, ob eine solche Vorgehensweise finanzierbar ist. Sind die derzeitigen Maßnahmen in der Therapie chronischer Wunden noch zeitgemäß? Es ist zu überprüfen, ob statt der bisher eingesetzten Methoden Platz für modernere, effektivere Maßnahmen geschaffen werden muss.
Die Medical Economics Research Group (MERG), München, hat an mehr als einhundert Patientenakten untersucht, wie ein Patient mit Ulcus cruris therapiert wird und welche Kosten entstehen.
Das Ergebnis, vorgestellt anlässlich der 2. Annual European Conference der International Society of Pharmaco-economics and Outcomes Re-
search, ist ernüchternd: Pro Jahr und Patient werden circa 1 000 DM in die Versorgung des Ulcus cruris investiert (siehe Grafik). Der größte Anteil geht in die direkte Wundversorgung (55 Prozent), allerdings nicht in moderne Wundversorgungsmaßnahmen. Zum Einsatz kommen überwiegend „selbst gemixte“ Salben unterschiedlichster Art. An zweiter Stelle stehen die Ausgaben für Verbände (19 Prozent), danach folgen Arzneimittel (15 Prozent). Die Ausgaben für die ärztliche Konsultation liegen auf dem vierten Rang mit nur noch neun Prozent. Dieses Ergebnis wurde in einer Diskussion mit Experten auf dem Gebiet der Wundheilung bestätigt. Die hier dargestellten Maßnahmen stellen tatsächlich
einen Querschnitt durch die Behandlungsaktivitäten dar, sie würden in nicht mehr als 30 Prozent zu einer Heilung führen.
Ausreichende Therapiemaßnahmen
Dieses Ergebnis muss umso mehr erschrecken, als bereits heute therapeutische Maßnahmen zur Verfügung stehen, die wesentlich effektiver sind als die genannten Möglichkeiten: So konnte zum Beispiel ein humanes Hautäquivalent zeigen, dass es in der Lage ist, bei diabetischem Fußulkus gegenüber der üblichen Therapie einerseits die Heilungszeit zu verkürzen und andererseits die Heilungsrate zu verdoppeln. Gelängen ähnliche Erfolge für andere chronische Wunden, sähe die Versorgung nicht so desolat aus, wie eine Wirksamkeit von 30 Prozent vermuten lässt.
Allein eine Verbesserung der therapeutischen Bemühungen wird nicht ausreichen, um künftige Mehrausgaben – bedingt durch die sich verändernde Altersstruktur – zu drosseln. Zurzeit liegt die Zahl der Patienten und Patientinnen mit chronischen Wunden bei rund zwei bis 2,5 Millionen, davon etwa die Hälfte mit Ulcus cruris. In rund 30 Jahren wird sich die Zahl älterer Menschen verdoppelt haben. Wie es sich dann mit der Zahl der Patienten mit chronischen Wunden und wie es sich mit den Kosten verhält, ist leicht zu prognostizieren, wenn sich die derzeitige Situation um die chronischen Wunden nicht nachhaltig ändert.
Verringerung der Inzidenz
Um dieser Herausforderung gerecht zu werden, ist es notwendig, über die eigentliche Therapie der chronischen Wunden hinauszugehen. Der Schlüssel für dieses Problem liegt in einer Verringerung der Inzidenz. Dies ist auf zweierlei Weise möglich:
- durch eine Intensivierung der Diagnostik, Therapie und Nachsorge der Grunderkrankung, die das Auftreten von chronischen Wunden begün-stigt;
- durch eine Prävention, die in vielen Fällen bereits vor Auftreten der Grunderkrankung liegen muss.
Allerdings fehlt für eine möglichst frühe Intervention noch die politische Weichenstellung.
Höhere Effizienz durch Innovationen
Zurzeit ist die Gesellschaft bereit, allein für die ambulante Behandlung des Ulcus cruris 1 000 DM pro Patient im Jahr bei einer Wirksamkeit von circa 30 Prozent auszugeben. Mit neuen innovativen Therapiemaßnahmen ist nach Expertenmeinung eine Verdoppelung der Wirksamkeit möglich, ohne jedoch gleichzeitig die Behandlungskosten zu verdoppeln. Dies würde sogar kurzfristig zu einer Entlastung der GKV führen. Die frei werdenden Mittel stünden dann wiederum präventiven Maßnahmen zur Verfügung. Vor dem Hintergrund der aktuellen und künftigen Ausgabenbelastung der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung und den weiteren Belastungen, die der sich verändernde Bevölkerungsaufbau mit sich bringt, stellt sich die Frage, ob sich die Gesellschaft den Verzicht auf innovative Maßnahmen noch lange leisten kann. Sind wir auch künftig bereit, viel Geld für nichts zu zahlen? Dr. med. Olaf Pirk
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