ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2000Essstörungen: Essen spaltet Leib und Seele

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Essstörungen: Essen spaltet Leib und Seele

Dtsch Arztebl 2000; 97(45): A-2994 / B-2533 / C-2252

Bühring, Petra

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LNSLNS Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung klärt über Ursachen und Prävention von Essstörungen auf. Besonders betroffen sind junge Frauen.

Häufige Diäten sind oftmals Einstieg in ein gestörtes Essverhalten. Schätzungen zufolge leiden mehr als 100 000 Frauen zwischen 15 und 35 Jahren an Magersucht. Rund 15 Prozent der Betroffenen hungern sich dabei zu Tode, berichtet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Köln.
Von Bulimie sind rund 600 000 Frauen betroffen. Zunehmend leiden auch Männer (70 000) an der bisher als Frauenkrankheit bezeichneten Störung. Starkes Übergewicht ist unter den Ess-störungen am häufigsten verbreitet: 20 Prozent der Frauen aller Altersgruppen und 16 Prozent der Männer weisen einen Body-Mass-Index über 29 beziehungsweise über 30 auf. An der „Binge-Eating-Disorder“ leiden sechs bis acht Prozent der Bevölkerung.
Diät zerstört das Körperselbstbild
Immer mehr junge Menschen verfielen einem gesundheitsschädlichen Körperkult und überschlankem Schönheitsideal, erklärte Dr. med. Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale. Bereits 12 Prozent der 11- bis 15-jährigen Jungen und 17 Prozent der gleichaltrigen Mädchen gaben einer Bielefelder Studie zufolge an, sich zurzeit einer Diät zu unterziehen. Auffallend war, dass aus dieser Gruppe bereits sieben Prozent der Jungen und acht Prozent der Mädchen an Untergewicht leiden. Pott: „Die Vermutung liegt nahe, dass die Diät bereits dazu geführt hat, ihr Körperselbstbild zu stören.“
Warum sind Mädchen und Frauen besonders von Essstörungen betroffen? Die Psychologin Elvira Figura arbeitet im Mädchenhaus Köln, einer Beratungsstelle, seit Jahren mit essgestörten Mädchen: „Magersüchtige verweigern sich mit dem Hungern – sie machen sich wortwörtlich dünn.“ Sie sieht Essstörungen als Rebellion gegen die enge Rollenzuweisung von Frauen. Dadurch hätten Mädchen wenig Einfluss auf ihr Leben und wenig Spielraum: „Sie bleiben ein Leben lang hungrig.“ Die Bulimikerin hingegen identifiziere sich stark mit dem männlichen Ideal. Ihre aggressiven Bedürfnisse (Fressen, Kotzen) lebe sie heimlich, um nach außen angepasst zu erscheinen. Figura hat besonders gute Erfahrungen mit gruppentherapeutischen Behandlungsansätzen gesammelt. Auch anonyme – weil niederschwellige – Angebote würden von den betroffenen Mädchen gut angenommen. Die Beratungsstelle arbeitet mit Pädiatern und der Jugendhilfe zusammen.
Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung will über den verhängnisvollen Kreislauf aus Diät und Essstörung aufklären. Dazu sind zwei neue Publikationen erschienen: Der „Leitfaden für Eltern, Partner, Freunde, Lehrer und Kollegen“ und das „Praxishandbuch für Gruppenmoderatorinnen“ für Selbsthilfegruppen. Eine umfassende Informationsschrift für Ärzte zum Thema Essstörungen wurde zusammen mit der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren erstellt.
Petra Bühring


Sämtliche Publikationen sind kostenfrei erhältlich bei: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 51101 Köln, Fax: 02 21 – 89 92 257, E-Mail: order@bzga.de
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