ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2000Drogen: Das DÄ auf dem Weg zum Satiremagazin?

BRIEFE

Drogen: Das DÄ auf dem Weg zum Satiremagazin?

Dtsch Arztebl 2000; 97(45): A-3008 / B-2564 / C-2374

Wiedmayer, Joachim

Zu dem Beitrag „Eine andere Mentalität“ von Boris Miretski und Lothar Schmidt in Heft 38/2000:
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Vorausgesetzt, es handelt sich doch nicht, wie von mir zunächst angenommen, um eine fein gesponnene Satire auf den Psycho-Zeitgeist, so ist der Artikel ein schönes Beispiel dafür, wie in Deutschland ein zum Popanz gewordener, krakenartig alle Gesellschaftsbereiche umschlingender, verblasener Multi-Kulti-Weltverbesserungspsychologismus zum Zwecke der Legitimation und Arbeitsbeschaffung in nahezu blindwütigem therapeutischen Eifer, eine Art „furor therapeuticus“, sich aber auch an den ungeeignetsten Objekten versucht. In diesem Fall an der nach Deutschland zugewanderten, oder wohl besser eingefallenen russischen Drogenszene, in der Psychologen-Psychiater-Schmusesprache hier artig „Klienten“ und „Migranten“ geheißen.
Dumm nur, dass die, folgt man den Ausführungen der Autoren, durch die Bank ausgeschlafene russische Drogenszene sich aber so gar nicht auf das ihnen zugedachte therapeutische Mühen und Sorgen unserer Therapeuten einlassen möchte. Fordert doch der aufreibende Drogenhandel, in den viele Drogenabhängige „eingebunden“ seien, den ganzen Mann. Klarsichtig wird denn auch von Therapeutenseite erkannt, dass „die meisten Russisch sprechenden Drogenabhängigen mit Widerwillen auf Therapieangebote reagieren“. Und leise bedauernd wird konstatiert: „Gezielt gehen sie Beratungs- und Behandlungsangeboten aus dem Weg.“ So reiht sich Sprachperle an Sprachperle, köstlich auch die Ausführungen über die russische Dealerszene. Man muss den Artikel einfach lesen! Hier ist den Autoren ein großer satirischer Wurf gelungen,
alle Achtung. In ihrem nimmermüden Bemühen, die Therapiewiderborstigkeit der russischen Drogenszene zu brechen, ist den Multi-Kulti-Therapeuten aber noch Tolleres eingefallen. Ganz dem Zeitgeist verpflichtet – Deutschland als eine Art Bahnhofsmission, eine Art Sozialstation für das Elend der Welt zu betrachten, der deutsche Steuerzahler hat ja schon Abenteuerlicheres finanziert –, wird, von den frustranen bisherigen therapeutischen Bemühungen keinesfalls entmutigt und weitere Beschäftigungsfelder fest im Blick, noch mehr „Therapie“ und „Prävention“ für ihre „Klienten“ gefordert. Insbesondere, man höre und staune, „muttersprachliche Kontakte und Therapiemöglichkeiten“. Dass dies am besten durch „Remigration“ ihrer „Klienten“ zu bewerkstelligen wäre, kommt ihnen da bei natürlich nicht in den Sinn. Absurdistan lässt grüßen.
Eine andere Mentalität? Schon. Da Russen bekanntlich aber auch über Humor verfügen, wird der Artikel in der Szene nicht wenig Heiterkeit ausgelöst haben . . .
Dr. med. Joachim Wiedmayer, Bahnhofplatz 6, 91054 Erlangen
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema