ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2000Tod im Kinder- und Jugendbuch: Können Tote unter der Erde atmen?

VARIA: Feuilleton

Tod im Kinder- und Jugendbuch: Können Tote unter der Erde atmen?

Dtsch Arztebl 2000; 97(45): A-3031 / B-2582 / C-2390

Kohler, Marion

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LNSLNS Mithilfe ehrlicher Bücher über das Sterben können Erfahrungen mit dem Unbeschreiblichen vermittelt werden.

Auf die Frage „Was passiert eigentlich, wenn ich tot bin?“ suchen heutzutage unzählige Autoren und Autorinnen Antworten in der Hoffnung, Kindern und Jugendlichen den Umgang mit der Grenze des Lebens „spielend“ zu erleichtern. Diese Bücher können auch den immer wieder in Erklärungsnot geratenden Ärzten und Ärztinnen behilflich sein.
„Worte wechseln ist menschlich“ – schrieb Octavio Paz 1976. Wie notwendig das Gespräch tatsächlich ist, illustriert eindrucksvoll Ted van Lieshouts Jugendroman „Bruder“, der im vergangenen Jahr mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde (Middelhauve Verlag, 1999). „Kannst du noch jemandes Bruder sein, wenn dieser Jemand nicht mehr lebt?“ Diese Frage quält Luuk, dessen Bruder Marius mit 14 Jahren gestorben ist. Luuk will diese Frage unbedingt mit Ja beantworten. Um dieses Ja vor sich verteidigen zu können, nimmt er Marius’ Tagebuch an sich. Luuk beginnt, die leeren Seiten des Tagebuchs mit Briefen an den Toten zu füllen. Schon bald vermengen sich dessen Aufzeichnungen mit Luuks Kommentaren, ein
zu Lebzeiten nie geführtes Zwiegespräch entwickelt sich daraus. Fern jeglicher Klischees über die allseits gepredigte Geschwisterliebe legt der Roman ernsthaft Zeugnis ab über eine nicht wahrgenommene Chance der Nähe. Damit thematisiert Lieshout die wahrscheinlich schwerwiegendste Konsequenz des Todes für Hinterbliebene; die Unumkehrbarkeit einstigen Tuns.
Für einen Roman vergleichbarer Couleur erhielt der Schwede Peter Pohl 1995 den Jugendbuchpreis (dtv, 1999). In „Du fehlst mir, du fehlst mir!“ erzählt er unter Verwendung von Tagebuchaufzeichnungen und Briefen eine authentische Geschichte. Die 14-jährige Kinna Gieth – im Roman Tina genannt – hat durch einen Unfall ihre Zwillingsschwester verloren. Wie auch bei Lieshout steht nicht das Ereignis des Todes im Mittelpunkt, sondern Trauer und Fassungslosigkeit der Zurückgebliebenen, ihre Reue über jedes unwiderrufliche Wort. Pohl reflektiert einfühlsam die seelische Verstörung, die sich in Hektik und Apathie, Realitätsverlust und Albträumen ausdrückt. Sprachlich noch um vieles ausgereifter als sein niederländisches Pendant, ist dieser Roman ein psychologisches Meisterwerk.
Die Todesliteratur kann den Betroffenen eine Hilfe zur Überwältigung der Isolation sein. Und das ist vor allem bei „verwaisten Geschwistern“ nötig, weist die Ärztin Elisabeth Kübler-Ross in „Kinder und Tod“ nach (Droemer-Knaur Verlag, 2000). Ein bemerkenswertes Jugendbuch, das genau diesen Aspekt lebensecht ausmalt, ist „Mein Bruder, mein Bruder“ von der Israelin Raya Harnik (Verlag Beltz & Gelberg, 1998). Sie schildert darin ergreifend aus der Sicht des 12-jährigen Ronen das undurchdringliche Schweigen in einer Familie, in der der älteste Bruder/Sohn bei einem Militäreinsatz ums Leben gekommen ist. Niemand erklärt Ronen, was in der Familie vor sich geht: Warum liegt die Mutter nur noch im Bett? Warum tut der Vater plötzlich so fromm? Ronen begreift langsam, was es für jeden einzelnen heißt, ein/e „Hinterbliebene/r“ zu sein. Die Autorin, die selbst ihren Sohn 1982 im Libanonkrieg verloren hat, vermag die unterschiedlichen Reaktionsweisen wertfrei und verständnisvoll abzutasten.
Da Teenager ebenso profunde Vorstellungen über den Tod und das Jenseits wie Erwachsene entfalten können, müssen Autoren und Autorinnen sich nicht auf eine frühere Entwicklungsstufe begeben. Ein solcher Schritt ist aber vonnöten, will man mit den Kleinsten sprechen. Vorschulkinder können das Ausmaß des Lebensendes noch nicht erfassen. Sie fragen sich, ob die Toten unter der Erde atmen können oder ob sie es im Sarg bequem haben. Für sie sind Friedhöfe voll von lebendig Begrabenen.
Wie der Schwede Måns Gahrton in seinem Kinderbucherstling „Hat Oma Flügel?“ beweist (Oetinger Verlag, 1999), kann dieses kindliche Verständnis zu urkomischen Situationen führen. Malva und Max wollen eines Nachts auf den Friedhof, um ihre Oma wieder auszubuddeln. Sie nehmen Lebensmittel nach Oma-Geschmack mit. Damit lässt sie sich sicherlich reanimieren, denn die heißen ja Lebens-Mittel. Kaum haben sie angefangen zu graben, kommt die Polizei. Diese nimmt sich der beiden an und verhilft ihnen zu einem eindrucksvollen Abschied von ihrer Großmutter. „Hat Oma Flügel?“ ist ein unverkrampft humorvolles Buch für Vier- bis Achtjährige.
Inger Hermanns „Du wirst immer bei mir sein“ hingegen ist ein Bilderbuch, das direkt nach dem Versterben der Liebsten (vor)gelesen werden kann (Patmos Verlag, 1999). Carme Solé-Vendrells Illustrationen machen die zerreißenden Gefühle des kleinen Peter, der seinen Vater bei einem Unfall verloren hat, transparent: Sie sind reduziert auf das Wesentliche, auf den Menschen.
Das Gespräch mit Kindern über den Tod wird immer schwierig sein, wissen doch auch die Erwachsenen keine Antworten auf das Warum. Mithilfe offener und ehrlicher Bücher über das Sterben können Erfahrungen mit dem Unbeschreiblichen vermittelt werden. Früher oder später bedürfen Kinder dieser Ein-Sichten. Marion Kohler
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