ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPraxis Computer 6/2000Paarberatung online: Wege aus dem Beziehungsstress

Supplement: Praxis Computer

Paarberatung online: Wege aus dem Beziehungsstress

Dtsch Arztebl 2000; 97(45): [40]

Eichenberg, Christiane

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LNSLNS Konflikte und Probleme in der Partnerschaft – auch zu diesem Thema gibt es inzwischen einige gezielte Informations- und
Beratungsangebote im Internet, die über Selbsthilfe-Angebote
hinausreichen.
Qualitativ sehr unterschiedliche Beratungsangebote sowohl bei Alltagssorgen als auch bei ernsthaften psychischen Störungen stehen Hilfesuchenden seit einigen Jahren im Internet zur Verfügung (1, 2). Gerade bei weit verbreiteten Problemen, wie Beziehungskrisen, Trennungsschmerz, unerfüllter Liebe oder sexuellem Frust, fühlen sich viele Leidensgenossen dazu berufen, Hilfestellung zu leisten. Der Austausch Betroffener untereinander ist meist effizient, obwohl das Konzept der Selbsthilfe umstritten ist (4). Dennoch wurden positive Effekte, gerade auch hinsichtlich internetbasierter Selbsthilfegruppen (3), aufgezeigt. Diese ersetzen jedoch nicht qualitativ andere Formen von Unterstützung, wie sie ein professioneller Helfer (Beratung) – ein Arzt, Psychologe oder Sozialpädagoge – leisten kann. Diese Berufsgruppen bieten Ratsuchenden mit Partnerschaftsproblemen zwei Arten von virtueller Hilfe an: zum einen durch Informationsangebote, zum anderen durch internetbasierte Beratung.
Schwerpunkt Information
Sucht der Betroffene Anregungen für seinen spezifischen Beziehungsstress in Form von Texten, Aphorismen, Tipps oder Selbsttests, so kann er bei folgenden Netzadressen fündig werden. Der Berliner Diplom-Psychologe Volker Drewes (www.beratung-therapie.de) stellt unter dem Stichwort „Beziehung und Liebe“ eigene Artikel und weiterführende Literatur zur Verfügung. Dabei greift er häufig auftretende Konfliktherde in Paarbeziehungen auf und widmet ihnen gesonderte Unterrubriken, zum Beispiel zu den Themen „Streiten – Konflikte“, „Eifersucht“, „Trennung – Scheidung“ oder „Erotik und Sexualität“.
Der Diplom-Pädagoge Dr. Rudolf Sanders (http://partnerschule.de) stellt auf seinen WWW-Seiten mit dem Titel „Eheberatung – Paartherapie – Partnerschule & Lebensberatung ... damit Beziehungen gelingen!“ sein Selbsthilfeprogramm für Paare vor (auch als Buch publiziert unter dem Titel „Zwei sind ihres Glückes Schmied“, Junfermann Verlag, Paderborn). Ferner gibt es die Möglichkeit, Selbsttests durchzuführen. Wer sich betroffen fühlt von Problemumschreibungen wie „Hilfe, ich habe keinen Sex mehr“ oder sich bereits vor der Ehe einem Partnerschaftstraining unterziehen möchte, ist hier richtig, denn er kann sein Problem durch Beantworten von Items näher eruieren.
Dipl.-Psych. Ragnar Beer vom Institut für Psychologie der Universität Göttingen (http://goal.uni-psych.gwdg.de/online_test.html) präsentiert neben einem Fragenkatalog, der zum Nachdenken anregen soll, einen interaktiven Test „Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Partnerschaft?“ mit sofortiger Auswertungsmöglichkeit.
Interaktive Tests zur Selbstanamnese bei Paarkrisen stellt auch der Schweizer Psychologe Dr. Josef Lang ins Netz (www.paarberatung.ch), doch er geht noch einen Schritt weiter: Via E-Mail steht er Beziehungsstress-Geplagten als qualifizierter Ansprechpartner zur Verfügung. Allerdings betont er, zurzeit wenig Kapazitäten frei zu haben.
Eine umfassendere Beratung zu Partnerschafts- und Sexualitätsfragen offeriert das Medienprojekt „Sextra“ der Pro Familia in Tübingen (http://profa.de/sextrainfo.htm). Hier sollen insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene die Möglichkeit erhalten, anonym via E-Mail brisante Fragen („Wie onanieren Mädchen?“, „Ist Oralverkehr abartig?“, „Ist man zu geil, wenn man sich trotz fester Beziehung selbstbefriedigt?“) von qualifizierten Fachleuten beantwortet zu bekommen. Dabei ist der Beratungskontakt für Jugendliche generell und ebenso für Frauen, die eine Schwangerschaftsberatung wünschen, kostenfrei. Bei Menschen, die zum Beispiel juristische Beratung in Scheidungsfragen suchen, richtet sich die Höhe des Honorars nach deren finanziellen Möglichkeiten.
Kommunikationstraining
Ein im deutschsprachigen Raum bisher einzigartiges Internet-Angebot für Paare mit Beziehungsproblemen bietet der Münchner Facharzt für Psychotherapeutische Medizin David Wilch-fort mit „CoupleCoaching-Interactive“ (www.couplecoaching.de) an. Das internetbasierte Kommunikationstraining für Paare richtet sich an all diejenigen, die die niederschwellige Möglichkeit des Internets nutzen möchten, anonym, unkompliziert sowie zeit- und ortsunabhängig die Kommunikationskraft ihrer Beziehung zu verbessern. Dabei werden beide Partner in den lösungsorientierten Selbsthilfeprozess miteinbezogen. Das Angebot besteht im Wesentlichen aus drei Elementen, die sämtlich darauf aufbauen, dass vorhandene und dysfunktionale Beziehungsregeln zwischen den Partnern von diesen erkannt und somit verändert werden können:
- Auf der Website haben Paare die Möglichkeit, durch vorgegebene Dialogübungen neue Einsichten in ihre Partnerschaft zu gewinnen, indem sie beispielsweise typische Streitmuster aufdecken und modifizieren.
- Daneben steht den Betroffenen ein Forum zur Verfügung, um sich über allgemeine Partnerschaftsfragen auszutauschen und Kontakte zu knüpfen.
- Im „Beziehungsspiegel“, dem „Herzstück“ des Angebotes, können Paare ihre Beziehung durch den Austausch mit anderen Paaren besser kennen lernen: Beide Partner schildern ihre Sichtweise des Konfliktes und schicken diese Äußerungen per E-Mail an Wilchfort. Dieser stellt auf seiner Website beide Versionen gegenüber. Nun haben (lediglich mitdiskutierende oder sich ebenso darstellende) Paare die Möglichkeit, Kommentare zu diesem speziellen Beziehungsgeschehen abzugeben. Deren Sichtweisen von „außen“ zeigen für das Problem des Paares Lösungswege auf, die das Paar alleine nicht entdeckt hätte. Dieser Austausch wird von professioneller Seite begleitet und moderiert. Da es für Ratsuchende wichtig ist, wissenschaftlich abgesicherte Unterstützung bei ihren Problemen zu erhalten, ist CoupleCoaching-Interactive in ein größeres Forschungsprojekt zur Evaluierung mediengestützter Beratungsangebote eingebettet. Die Teilnahme ist daher zurzeit kostenfrei.
Wie so oft, haben die US-Netzadressen einiges mehr an Beratungsmöglichkeiten für unglückliche Paare zu bieten (siehe Kasten), doch auch Menschen, die nicht die englische Sprache beherrschen, finden folglich in Beziehungskrisen qualifizierte – kommerzielle wie auch karitative – Hilfe im Web. Wer sich nicht nur für die praktische Anwendung von Paarberatungen im Web interessiert, sondern ebenso für internetbasierte Ressourcen zu Forschung, Weiterbildung und Literatur in diesem Bereich, sei auf die Zusammenstellung von Laszig und Rieg (5) verwiesen.
Christiane Eichenberg

Kontaktadresse: Christiane Eichenberg, E-Mail: Christiane@rz-online.de, Internet: www.christianeeichenberg.de. Die Zahlen in Klammern verweisen auf das Literaturverzeichnis, das beim Verfasser oder im Internet (www.aerzteblatt.de) erhältlich ist.

Zwei Beispiele für Internet-Angebote: Sextra und CoupleCoaching Interactive

Englischsprachige Angebote für Paare in Krisen
- www.couples-place.com (umfassende Online-Community, geleitet von dem Psychotherapeuten David E. Sanford, mit einem reichhaltigen Informationsangebot und Hilfestellungen, um Ehe- und Partnerschaftsprobleme zu lösen)
- www.marriagebuilders.com (Informationsseiten von dem Psychologen Williard F. Harley mit Tipps zur Beziehungsführung; persönliche Beratung gibt es ausschließlich über Telefonsitzungen)
m www.ivillage.com/relationships (ein Expertenteam gibt Empfehlungen zu sämtlichen Facetten von Beziehungen und damit verbundenen spezifischen Problemen, ein Beispiel hierfür ist das Diskussionsboard zum Thema „Single Mothers and Datings“)
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1. Eichenberg C: Die virtuelle Couch – Selbsthilfe, Therapie und Beratung im Internet. c´t (Magazin für Computertechnik), Heft 5/99.
2. Eichenberg C, Ott R: Informationen über psychische Störungen im Internet: Wissenschaftliches, Selbsthilfe und Berichte Betroffener. Psychomed (Zeitschrift für Psychologie und Medizin), 3/99.
3. King SA, Moreggi D: Internet therapy and self help groups – the pros and cons. In: Gackenbach J (Ed.): Psychology and the Internet: Intrapersonal, interper-sonal and transpersonal implications (pp. 77-109). San Diego 1998, CA: Academic Press.
4. Kuhne D: Zur Ambivalenz von Selbsthilfegruppen – insbesondere in ihrem Verhältnis zu professionellen Dienstleistungssystemen. Gruppendynamik, 15, 1994, 153.163.
5. Laszig P, Rieg K: Paartherapie – im World Wide Web: Informationen zur Forschung, Psychotherapie, Beratung und Selbsthilfe. Psychotherapie im Dialog, 2, 2000, 71-4.

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