ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinReisemagazin 3/2000Südmarokko: Auf der Straße der Kasbahs

Supplement: Reisemagazin

Südmarokko: Auf der Straße der Kasbahs

Dtsch Arztebl 2000; 97(46): [12]

Sturmhoebel, Elke

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LNSLNS Bei einer Autotour durch karge Wüsten- und grüne Flusslandschaften stößt man auf Geheimnisse hinter Lehmmauern.

Moulim lässt sich nicht abschütteln. Unsere Beteuerungen, dass wir allein durch die Kasbah Taourirt spazieren wollen,
interessieren ihn nicht. Wie eine Klette bleibt er haften. Zum Glück erweist sich Moulim als liebenswerter Fremdenführer. Schließlich hält uns der 12-Jährige auch die restliche Bande vom Hals, die anderen Kinder, die
ebenfalls gern ein paar Dirham verdienen würden. Das stimmt uns versöhnlich.
Es ist ein schönes Gefühl, nicht beachtet zu werden. Zu dieser Erkenntnis kommen wir hinter den Bergen des Hohen Atlas, als uns diese Gunst schon nicht mehr zu-
teil wird. Wir sind mit dem Mietwagen unterwegs und dem prallen marokkanischen
Leben ausgesetzt. Das ist manchmal anstrengend.
Hier, am Rande der Wüste, sind fremde Blicke allgegenwärtig. Man wird bedrängt, etwas zu kaufen, das man nicht haben will. Es wird Geld für Dienste gefordert, nach denen man nicht verlangt hat. In den großen Städten hingegen, sogar in Marrakesch, ließ man uns in Ruhe. Trotz dieser „Verfolgungen“ lohnt sich eine Autorundreise im Süden Marokkos.
Residenz des Paschas
Ouarzazate am südlichen Rand des Hohen Atlas ist ein Touristenmagnet. Die Stadt liegt an der Straße der Kasbahs, an der sich die aus Lehm geformten Burgen und Dörfer aneinander reihen. Die Kasbah Taourirt, eine mächtige Burg, und das Viertel drumherum wurden Anfang dieses Jahrhunderts aus Lehm gebaut und sind die Sehenswürdigkeit in Ouarzazate. Dort wohnt auch Moulim, unser selbst ernannter Begleiter. Er führt uns durch die engen Gassen der Wohnquartiere und schleust uns auf die Dachterrasse seines Großvaters. Ein Höhepunkt, denn der Blick auf den Palast, der gerade von der Nachmittagssonne orangerot gefärbt wird, ist beeindruckend. Die Kasbah sei einmal Residenz des Paschas von Marrakesch gewesen. Ob wir von El Glaoui schon gehört hätten, fragt Moulim und sieht uns forschend an. Auf diese Sippe trifft man fortwährend im Süden Marokkos.
Die Familie war schon im 19. Jahrhundert der mächtigste Grundbesitzer in dieser Region. Überall, wo ein El Glaoui Land eroberte, baute er große Kasbahs. Aus Lehm errichtete Burgen markieren den einstigen Herrschaftsbereich der El Glaoui zwischen Telouèt und Tinerhir. Im Frühjahr nisten Störche auf den Ecktürmen der Kasbahs entlang der Straße im Dadès-Tal. Die eingeritzten Ornamente sollen böse Geister abwehren und die Baraka, die heilige Kraft, an das Gebäude binden.
Kasbahs boten den Dorfbewohnern Zuflucht vor plündernden Nomaden oder feindlich gesinnten Berbern. Durch das Drâa-Tal verlief ein stark frequentierter Karawanenweg, auf dem Gold, Elfenbein und Sklaven von Schwarzafrika zum Mittelmeer gebracht wurden. Nach der Befriedung der Berberstämme verloren die Kasbahs ihren Sinn und Zweck. Ksar heißen die befestigten Dörfer der Berber, deren
ineinander verschachtelte Häuser aus Stampflehm oft ganze Sippen beherbergten. Die Wohnburgen der Berberfürsten sind verlassen, die Ornamente an den Außenmauern durch Regen ausgewaschen. Die Lehmmauern werden, wenn überhaupt, nur noch notdürftig ausgebessert. Irgendwann werden die Kasbahs wieder zu einem Haufen Lehm geworden sein.
Ait Benhaddou liegt 35
Kilometer nordwestlich von Ouarzazate. Das Dorf mit den turmbewehrten Wohnburgen, das Labyrinth der Häuser und Speicher stehen als Weltkulturerbe unter dem Schutz der Unesco. Eine geheimnisvolle Atmosphäre durchdringt das Dorf. Hier der flüchtige Schatten einer Frauengestalt, dort Kinderaugen, die uns durch das Gassengewirr verfol-
gen, ein Esel, der hinter ei-
ner Lehmmauer schreit. Kaum jemand wohnt noch hier.
Markttag in Zagora
„Die Gemeinschaft in einem Ksar muss funktionieren, sonst wird das Dorf früher oder später zu einer Geisterstadt“, sagt Hussein. Er hütet die Kasbah Asslim am Stadtrand von Agdz und lässt Besucher ein, die sich am Campingplatz Kasbah Palmeraie melden. Die 250 Jahre alte Wohnburg ist im Besitz der Familie Ait El Caid, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Kasbah der Nachwelt zu erhalten. Hussein spricht Englisch und erzählt über das frühere Leben in der Kasbah und im Ksar. Wohne man Wand an Wand, dann sei es notwendig, dass die Mauern gemeinsam gepflegt werden. Die aus Stampflehm gebauten Häuser, einem dicken Brei aus Lehm, Wasser und Maisstroh, sorgen im Sommer, wenn das Quecksilber leicht die 50-Grad-Marke erreicht, für ein erträgliches Wohnklima. Bis die Hitze beginnt, in die Häuser einzudringen, ist es Abend geworden. Dann übernimmt die nächtliche Kühle den Temperaturausgleich. Die perfekte Klimaanlage.
Die Straße der Kasbahs folgt in West-Ost-Richtung den Flüssen Dadès und Todhra. Die Flussläufe haben sich in die Berge gegraben und fräsen enge Schluchten. Die Erosion hat Formen von gigantischem Ausmaß aus dem Gestein geschliffen.
Esel als Verkehrsmittel
Manche der Bergkolosse gleichen aufeinander geschichteten Tortenböden. Die südwärts gerichtete Route folgt dem Drâa-Tal und verliert sich im Sand der Sahara an der algerischen Grenze. Die Straßen im Drâa-Tal sind wenig befahren. Lastwagen, Taxen und Radfahrer sind unterwegs und nur wenige Personenwagen. Hauptverkehrsmittel ist der Esel.
Wenn in Zagora Markt ist innerhalb der Soukmauern, von Schafköpfen über Haushaltswaren, Obst und Gemüse aus den Oasengärten bis hin zu Körben und Taschen aus recycelten Reifen alles verkauft wird, dann stehen auf dem Parkplatz dicht gedrängt Esel, die auf ihre Besitzer warten. An der Flussoase balancieren unverschleierte Frauen Lasten auf dem Kopf. Sie tragen Kinder auf dem Rücken, schleppen Körbe voller Grünzeug und sind oft unter ihrer Bürde kaum noch auszumachen. Elke Sturmhoebel


Reise-tipps
Reisezeit: Von Januar bis März muss mit Regen und im Hochgebirge mit Schnee gerechnet werden. Der 2 260 m hohe Tizi n’Tichka-Pass im Hohen Atlas ist dann nicht oder nur schwer passierbar. Das Frühjahr ab März ist für eine Autorundreise durch Südmarokko die beste Zeit, auch die Monate Oktober/November.
Angebote: Mietwagen, die vor Ort preiswert erhandelt werden können, sind oft in einem schlechten Zustand. Problemlos und günstig sind Mietwagenrundreisen, die zum Beispiel bei airtours und FTI Touristik im Programm sind.
Reiseführer: „Marokko“ aus dem Reise KnowHow-Verlag ist sehr emp-
fehlenswert. Der 992 Seiten starke Führer (8. Auflage 1999) kostet
47,80 DM. Informativ ist auch das Dumont ReiseTaschenbuch „Südmarokko“, 19,80 DM.
Auskünfte: Staatlich Marokkanisches Fremdenverkehrsamt, Graf-Adolf-Straße 59, 40210 Düsseldorf, Telefon: 02 11/37 05 51-52, Fax: 37 40 48.
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