Supplement: Reisemagazin

Finnland: Besuch bei Santa Claus

Dtsch Arztebl 2000; 97(46): [18]

Sobik, Helge

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LNSLNS Im hohen Norden – in Finnland – wartet Santa Claus auf Gäste.

Stress für den Weihnachtsmann: Kurz vor Heiligabend ist Hochbetrieb in seiner Heimat am Polarkreis. Sechs Stunden lang sitzt er jetzt jeden Tag auf seinem mit rotem Samt bezogenen Thron in Joulupukin Pajakylä, dem „Dorf des Weihnachtsmanns“ bei Rovaniemi im schneebedeckten Finnisch-Lappland. Santa Claus schüttelt Hände im Dutzend, nimmt Kinder auf den Arm, hat für jedes ein paar freundliche Worte parat, verschenkt Pfefferkuchen, hört sich Gedichte und Ständchen an, klatscht begeistert Beifall und scherzt beizeiten sogar ein wenig mit seinen Besuchern aus aller Welt. Dem Mann mit Pelzmütze, langem weißen Rauschebart, mit rotem Mantel und schweren Stiefeln scheint der Hochbetrieb Spaß zu machen. Hinter seiner silbernen Nickelbrille blitzen muntere blaue Augen. Damit es dem alten Herrn, der etwa 1,95 Meter groß ist und gute 150 Kilo schwer sein dürfte, nicht zu warm wird, rattert neben seinem Thron am Kamin ein Ventilator im Dauereinsatz. Kerzen wehren sich flak-
kernd auf dem Kaminsims gegen den frischen Luftzug. Aus einem Kassettenrekorder tönt leise Weihnachtsmusik: Jingle Bells, O Tannenbaum, dazu Schellen- und Glöckchenklänge.
Kaum eine Gegend wäre als Heimat des Weihnachtsmanns glaubwürdiger, kaum irgendwo würde er besser hineinpassen. Kaum irgendwo sonst würde es Kindern und selbst Erwachsenen leichter fallen, an den Weih-
nachtsmann zu glauben als hier im arktischen Norden Finnlands: tief verschneite Wälder und Straßen, rosaroter Himmel, Schlitten auf schmalen Pfaden, Ren-
tiere am Wegesrand, schneiden-
de Kälte mit zur Zeit um die minus 20 Grad Celsius. An den Weihnachtsmann adressierte Kinderpost aus aller Welt wird bereits seit den 50er-Jahren hierher geschickt (Adresse: Santa Claus, Joulupukin Pääposti in FIN-96930 Napapiiri, Finnland) und von fleißigen Helfern recht-
zeitig zum Fest beantwortet. Der Weihnachtsmann signiert die Briefe wie Autogrammkarten per Kugelschreiber mit schwungvollem „Santa Claus“-Schriftzug. Weil immer mehr Menschen den alten Herrn persönlich erleben und sich so selbst einen Traum erfüllen wollten, blieb es nicht beim bloßen Briefebeantworten. Santa Claus ist zu festen Sprechzeiten da und lässt sich bereitwillig mit seinen Besuchern um-
geben von einem Berg aus Geschenken fotografieren. Wer eine eigene Kamera hat, kann das Erinnerungsfoto von einem der Gehilfen schießen lassen – für 45 Finnmark (rund 15 DM). Wer es sich auf ein T-Shirt reproduzierren lassen will, zahlt 95 Finnmark (rund 31 DM) Aufpreis und muss ein paar Minuten warten. Seit über zehn Jahren residiert der Weihnachtsmann rund ums Jahr in jenem „Santa Claus Office“, ei-
nem hölzernen Blockhaus di-
rekt am Polarkreis ein paar Kilometer außerhalb der 37 000-Seelen-Stadt Rovaniemi.
Schüchterne Kinder tasten sich langsam nach vorne, bis er ihnen Mut macht, sich auf seinen Schoß zu setzen. Freche Teens übergeben ihre Wunschzettel – oft mit ausgeschnittenen und aufgeklebten Bildern aus Versandhauskatalogen: ein Computer-Spiel, eine Puppe, eine Auto-Rennbahn. Eine Truppe alter Damen stürmt nach vorne und sammelt sich zum Gruppenbild. Brillen rutschen, und Pelzmützen vibrieren vor Aufregung. Ganze Familien aus Estland sagen nicht ohne Ehrfurcht vor Santa Claus Gedichte auf, Finnen singen Lieder, Japaner knien kurz andächtig vor ihm nieder. Eine gut 30-jährige Russin weint vor Glück: Immer habe sie geglaubt, es gäbe den Weihnachtsmann. Jetzt endlich dürfe sie reisen und ihm begegnen. Endlich könne sie ihren skeptischen Mann widerlegen, denn der hatte einfach behauptet, das mit dem Weihnachtsmann sei alles Quatsch, sei Kinderkram und stimme sowieso nicht. Längst hat sich das Weihnachtsmanndorf zur größten Attraktion der Polarkreisregion entwickelt. Etwa 100 Charterflugzeuge aus aller Welt schweben jedes Jahr zwischen Ende November und Anfang Januar in Rovaniemi ein: an Bord Kurzbesucher auf Stippvisite – die meisten von ihnen aus England.
Wer mit Magenkribbeln und leuchtenden Augen aus der Hütte des Weihnachtsmanns heraustritt, spaziert ein paar Meter am Rentiergehege vorbei ins Café, probiert heißen Tee und finnisches Weihnachtsgebäck – oder stöbert in Souvenir- und Kunsthandwerkshops, wo es von kitschigen Plastikrentieren bis hin zu wertvollen Holzarbeiten und witzigen Accessoires alles gibt, was zu Winter, Weihnachten und Lappland passt. Wer reisen will wie Santa Claus, geht für ein paar Stunden auf Rentiersafari, fährt mit Hunde-, Motor- oder Rentierschlitten durch die weißen Wälder, die das Dorf umgeben. Später fragen wir Taxifahrer Jussu, ob er den Mann hinter Santa Claus kennt. „Ja“, antwortet er bereitwillig. „Er lebt in Rovaniemi, ist verheiratet, hat drei Kinder und an seinem Klingelschild steht der Name Mauri Virtanen. Aber das ist nur ein Pseudonym, denn Weihnachtsmann kann er schließlich nicht an die Tür schreiben.“ Helge Sobik

Eine gut 30-jährige Russin weint vor Glück: Immer habe sie
geglaubt, es
gäbe den Weihnachtsmann. Jetzt endlich dürfe sie reisen und ihm
begegnen.

Reise-tipps
Anreise: Finnair (Telefon: 01 80/3 34 66 24) verbindet mehrere deutsche Flughäfen mehrmals täglich via Helsinki mit Rovaniemi (Umsteigeverbindung). Tickets ab rund 842 DM.
Hotels: im Zentrum von Rovaniemi pro Person im Doppelzimmer ab rund 110 DM/Nacht.
Infos: Finnische Zentrale für Tourismus, Lessingstraße 5 in 60325 Frankfurt/Main, Telefon: 0 69/
71 91 98-0.
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