ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2000Moderne Physik und Grundfragen der Medizin: Patient als Subjekt

MEDIZIN: Diskussion

Moderne Physik und Grundfragen der Medizin: Patient als Subjekt

Dtsch Arztebl 2000; 97(46): A-3101

Vögler, Hendrik

zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Friedrich W. Schmahl Prof. Dr. phil. Carl Friedrich von Weizsäcker in Heft 4/2000
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LNSLNS Die Subjekt-Objekt-Thematik gehört durch die wachsenden Ansprüche des Patienten auf mehr Mündigkeit in der medizinischen Praxis seit Jahren zum Alltag. Allerdings wird die geforderte „ganzheitliche“ Behandlungsweise noch nicht allein durch die Berücksichtigung „psychosozialer Faktoren“ erreicht.
Wie am Beispiel der Quantenphysik hergeleitet, „schafft“ der Physiker durch die Wahl seines experimentellen Aufbaus „seine Umwelt“, er ist handelndes Subjekt, indem er die Welt „in seine Form“ bringt. Mit dieser Betrachtungsweise – das eigentliche des Subjektseins liegt in seinem aktiven Handeln – wird das Subjekt allerdings weiterhin wie ein Objekt behandelt, denn es wird von außen betrachtet. Ohne die einzige real zur Verfügung stehende Subjekterfahrung – die Selbsterfahrung – bleibt der Subjektbegriff inhaltslos. Es ist eine Umwendung der Blickrichtung erforderlich – die Selbstbeobachtung.
Im Zentrum der Subjekterfahrung steht die Erfahrung „Ich“ – das, was mich veranlasst, mir diesen Namen zu geben, der nur dann mich meint, wenn ich ihn ausspreche. In dieser Fähigkeit – sich selbst „Ich“ nennen können – liegt (noch) keinerlei individuelle Prägung, obwohl das „Subjektive“ allgemein als etwas rein „Persönliches“ behandelt wird.
Diese überpersönliche Qualität des „Ich“ ist zu erfahren in der Beobachtung des eigenen Denkvorgangs. Das Denken als Quelle des Bewusstseins bemerkt seine eigene Existenz und Aktivität nicht, da es damit beschäftigt ist, Inhalte hervorzubringen, Bilder im Bewusstsein zu erzeugen. Das Denken selbst kann nicht zu einem gleichartigen „Bild“ in diesem Sinne werden, denn dann ist es schon „Gedachtes“ geworden. Man kann es nur wiederholen, um den Prozess des Denkens zu spüren: eine Blickwendung vom Objekt zum Subjekt. Das „Ich“ ist nichts zu Sehendes, sondern das Sehen selbst – die Quelle der Aufmerksamkeit.
Dieses „Ich“ ist für ein den ganzen Menschen umfassendes Menschenbild nicht zu ersetzen oder abzuleiten. Der Patient hat ein Gespür, ob der Arzt in ihm diese Instanz anerkennt und sie im therapeutischen Prozess sogar herausfordert, oder ob er sie ignorieren oder manipulieren will. Dieses „Ich“ ist in der Anthroposophischen Medizin innerstes Glied eines Gesamtorganismus, der für den Arzt auf vier Ebenen zu untersuchen ist und erst so die menschliche „Ganzheit“ ausmacht. Zur Erfassung der Ebene des physischen Organismus gehört neben der körperlichen ärztlichen Untersuchung die naturwissenschaftliche Befunderhebung mit Labor und apparativen Untersuchungstechniken.
Die physische Organisation unterliegt während des Lebens den Gesetzmäßigkeiten einer höheren Lebensorganisation, die sich in der Gesamtheit der sich primär selbst regulierenden physiologischen Vorgänge äußert und die Grundlage für die Entwicklung von Gesundheit bildet. Hierher gehören einige traditionelle medizinische Konzepte, wie klassische Verfahren der Naturheilkunde, der Homöopathie, in dem sie den Organismus als Träger der Selbstheilungskräfte behandeln – was mehr ist, als unter „pathophysiologisch“ verstanden werden kann.
Durch die Erlebnisfähigkeit des menschlichen Organismus kommt eine „seelische“ Ebene in Betracht – die „psychosozialen Faktoren“.
Darüber hinaus kommt beim Menschen über sein Selbstbewusstsein die „Subjekt“ oder „Ich“ genannte vierte Ebene seiner Existenz zum Tragen. Sie äußert sich in seiner Erkenntnisfähigkeit und der Möglichkeit, aus seinem Leben selbst etwas zu machen, nicht nur Bestandteil der Natur zu sein, sondern sich zum Kulturschaffenden zu entwickeln. Ohne die Subjekt-Qualität auf beiden Seiten bleibt die Arzt-Patient-Beziehung unpersönlich. Patienten beanspruchen heute eine Medizin, in der sie sich auch auf dieser Ebene wiederfinden können. Der Streit zwischen „Schulmedizin“ und „Ganzheitsmedizin“ ist von daher „unmenschlich“ und für den Patienten unwürdig, da er ihn vor unangemessene Alternativen stellt.
Dr. med. Hendrik Vögler
Beurhausstraße 7
44137 Dortmund

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