ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2000Moderne Physik und Grundfragen der Medizin: Erkenntnisfragen stellen

MEDIZIN: Diskussion

Moderne Physik und Grundfragen der Medizin: Erkenntnisfragen stellen

Dtsch Arztebl 2000; 97(46): A-3103 / B-2500 / C-2254

Reckert, Till

zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Friedrich W. Schmahl Prof. Dr. phil. Carl Friedrich von Weizsäcker in Heft 4/2000
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LNSLNS Warum wird trotz Heisenbergscher Unschärferelation eine „neue“ ganzheitliche Medizin zwar anhaltend gefordert, aber doch nur bruchstückhaft umgesetzt? Warum wünschen wir sie uns zwar, haben aber nur eine unscharfe Vorstellung davon, wie sie auszusehen habe? Weil sich unser modernes Existenzverständnis seit mindestens einem Jahrhundert in einer mehr oder weniger deutlich empfundenen Krise befindet, zu der zwar die moderne Physik (vielleicht ungewollt) ihren Beitrag leistet, die sie aber nicht löst. Medizin ist ein Spiegel der Gesellschaft, die Gesellschaft ist ein Spiegel der in ihr meinungsbildend wirkenden Wissenschaften. Das Problem der schmerzhaft empfundenen Subjekt-Objekt-Spaltung ist dabei vor allem auch ein erkenntniswissenschaftlich-philosophisches. Ich will es andeuten: Es ist falsch, zu sagen: „Das Denken ist bloßes Produkt des Subjektes.“ Denn das Denken bildet, wie alle anderen Begriffe auch, die Begriffe „Subjekt“ und „Objekt“. Mithilfe des Denkens stelle ich mich als Subjekt den Objekten gegenüber. „Ich darf niemals sagen, daß mein individuelles Subjekt denkt; dieses lebt vielmehr selbst von des Denkens Gnaden.“ Dieser Satz aus der Philosophie der Freiheit R. Steiners kann bei demjenigen, der das zugrunde liegende erkenntniswissenschaftliche Problem sieht, anhaltendes Nachdenken auslösen: Auch in allem anderen, was wir erkannt haben oder erkennen könnten, also in unserer Wirklichkeit, finden wir potenziell unser (?) Denken und die von ihm hervorgebrachten Begriffe in festgehaltener Form wieder. Insofern ist es bezeichnend und nicht verwunderlich, dass sich für die moderne Physik „erkannte“ Materie in Mathematik, also in das von ihr verwendete Begriffliche auflöst. Ist Materie deshalb unerkennbar, weil wir ihr immer „unsere“ Gesetze und Beobachtungsbedingungen modellartig überstülpen müssen, ehe wir sie erkennen können? Oder ist „unser“ Denken mit den Kräften der Natur, mit den wirkenden Naturgesetzen potenziell wesensverwandt und wenn ja, in welcher Wechselbeziehung? Wirkt in der Natur Geistiges, also Begriffliches, welches uns zuerst in unserem Denken beobachtbar ist? Inwiefern ist dann unser Denken wirklich unser Denken? Wie können wir zur Klärung dieser Fragen die Beobachtung des Denkens schulen? Und auch: Was für eine Rolle spielt Kunst und Religion in diesem Zusammenhang? Solange diese Fragen als unwissenschaftlich abgelehnt werden, wird sich die Frage nach der Erkenntnisfähigkeit und der Wirklichkeitsfähigkeit des Menschen und infolgedessen auch die Subjekt-Objekt-Spaltung nicht lösen lassen. Solange wird sich aber auch eine wirklich ganzheitliche Medizin kaum begrifflich souverän durchdrungen und durch einen breiten gesellschaftlichen Konsens abgestützt verwirklichen lassen.

Dr. med. Till Reckert
für das Anthroposophische Ärzteseminar
an der Filderklinik
Haberschlaiheide 1
70794 Filderstadt

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