ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2000Aller Anfang ist Merz: Von Kurt Schwitters bis heute

VARIA: Feuilleton

Aller Anfang ist Merz: Von Kurt Schwitters bis heute

Dtsch Arztebl 2000; 97(46): A-3106 / B-2637 / C-2443

Paul, Christiane

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LNSLNS Eine umfangreiche Zusammenstellung mit Arbeiten von Künstlern aus verschiedenen Ländern

Kurt Schwitters gehört zu den Universalkünstlern seiner Zeit. Als Maler, Grafiker, Typograph und Schriftsteller verdiente er sein Ansehen und seinen Lebensunterhalt. 1917 entstanden seine frühen Dichtungen. In Berlin nahm er ersten Kontakt zur Dada-Bewegung auf. Kurz darauf schrieb er sein bekanntestes Gedicht, aus dem nur die ersten Zeilen zitiert werden:
„An Anna Blume
O du, Geliebte meiner
siebenundzwanzig Sinne,
ich liebe dir! –
Du deiner dich dir, ich dir, du mir.“
In der Ausstellung sind bekannte Werke, aber auch frühe Skizzen und Zeichnungen zu sehen. 1919 entwickelte Schwitters sein erstes Merzbild aus Papierstücken, die er in der Collagetechnik zusammenklebte. Das Wort Merz entnahm er aus Commerz- und Handelsbank; er fasste ab diesem Zeitpunkt alle seine künstlerischen Aktivitäten unter dem Begriff Merz zusammen. „Merz bedeutet, Beziehungen schaffen, am liebsten zwischen allen Dingen der Welt“, schrieb Schwitters 1924.
In den Merz-Bildern verwendete er zufällig gefundenes Material aus Abfällen, wie zum Beispiel abgefahrene Fahrscheine, Haare, Nägel, Draht, Stoff, Blech, alte Zeitungen und ähnliche „Materialien“. Diese Assemblagen, diese dreidimensionalen Hochreliefs, die aus der Kombination verschiedener Materialien und Objekten bestehen, klebte, nagelte, nähte, druckte und bemalte er. Sämtliche Werke tragen autobiografische Züge, da Schwitters Dinge aus seinem Leben verklebte, wie zum Beispiel seine Eintrittskarten zu Veranstaltungen oder Straßenbahnkarten. Das Spielzeug seines Sohnes, einige Holzkegel und Bauklötze, gelangten auch so in das Merzbild 46a – Das Kegelbild.
Eine Rekonstruktion seines Gesamtkunstwerkes, des Merzbaus, mit dem er die Trennung zwischen Kunst und Leben auflösen wollte, befindet sich am Anfang der Ausstellung. Diese begehbare Installation in kühlem Weiß, die ursprünglich ab 1920 in seiner Wohnung in Hannover wuchs, geht von der so genannten Schwitterssäule, einer abstrakten Gipsplastik, aus. Viele der eingearbeiteten Grotten widmete er Freunden und Künstlerkollegen. Von diesen Personen sammelte er dafür persönliche Dinge, zum Beispiel Haare, ein zerrissenes Schuhband, Fotos, aber auch Collagen, Plastiken und andere Objekte. Fotos dokumentierten den Wachstumsprozess dieses Merzbaus.
1937 emigrierte der „entartete“ Schwitters nach Norwegen, drei Jahre später reiste er weiter nach England. In beiden Ländern konnte er mit seinen Merzarbeiten kein Geld verdienen und stieg wieder um auf die Ölmalerei mit Landschaften und Porträts, von denen einige Werke in der Ausstellung zu besichtigen sind.
Die Arbeiten der zeitgenössischen Künstler, die im Dialog dazu stehen, sind speziell für die Ausstellung zum Themenbereich Atelier, Höhle und Zelle entwickelt. Einige witzige, nachdenkliche und ideenreiche Werke sind darunter. Auch sie arbeiteten teilweise Abfallprodukte mit in die Assemblagen ein. Besonders beeindruckend ist die Bar-Installation, in der es an nichts fehlt, von Edward Kienholz: The Beanery. Die Musik läuft, das Stimmengewirr lautstark, die Gäste haben Gesichter aus unterschiedlichen alten Uhren, die Gläser sind noch gefüllt, aber alles wirkt skurril und doch interessant. Christiane Paul


Kurt Schwitters, Mz 426 Zahlen, 1922. Diese Merz-Collage von 1922 ist nur 13,1 x 10,4 cm groß.


Die Ausstellung ist Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Freitag bis 20 Uhr geöffnet und zu sehen, vom 25. November 2000 bis 18. Februar 2001 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Grubbeplatz 5, 40213 Düsseldorf, Telefon: 02 11/ 8 38 10, vom 9. März 2001 bis 20. Mai 2001 Haus der Kunst, München.
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