ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2000Die Pfalzgrafschaft bei Rhein: Der Griff nach der Krone

VARIA: Feuilleton

Die Pfalzgrafschaft bei Rhein: Der Griff nach der Krone

Dtsch Arztebl 2000; 97(46): A-3107 / B-2504 / C-2258

Steiner-Rinneberg, Britta

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LNSLNS Sonderausstellung anlässlich der 600. Wiederkehr des Regierungsantritts Königs Ruprechts III. aus dem Hause Pfalz


Wer aus der hellen Herbstsonne in die aus konservatorischen Gründen stark abgedunkelten Räume des Ottheinrichsbaues im Heidelberger Schloss tritt, braucht schon einige Minuten der Gewöhnung. Dann aber tut sich dem Auge des Betrachters eine Welt auf, reich an mittelalterlichen Kostbarkeiten, wie sie in dieser Fülle und an diesem Ort noch nie zu sehen waren.
250 hochkarätige Objekte, die dank bereitwilliger Unterstützung von 60 Museen, Bibliotheken, Archiven und Denkmalsbehörden zusammengetragen und chronologisch arrangiert wurden, überraschen den geschichtlich Interessierten mit einer Fülle authentischer Zeugnisse, die den historischen Rang dieses damals bedeutendsten weltlichen Kurfürstentums sinnfällig machen: Inkunabeln, Stammtafeln, historische Karten, Bilder und Wappen sowie Glasfenster, Skulpturen, archäologische Funde, Medaillen, Münzen, Urkunden, Briefe, Handschriften und Stifterscheiben. Der größte Teil sind Originale, in einigen wenigen Fällen sind Abgüsse beziehungsweise Nachbauten und Kopien zu sehen.
Als Pfalzgraf Ruprecht III., dessen Grabmal in der Heidelberger Heiliggeistkirche zu sehen ist, 1400 auf dem Königsstuhl zu Rhens zum deutschen König erhoben wurde, nachdem man Wenzel von Böhmen wegen Nichttauglichkeit zuvor abgesetzt hatte, wurde das Reich zum letzten Mal vom Westen aus regiert, wo vier der sieben Kurfürstentümer lagen, unter ihnen die Pfalzgrafschaft mit Schwerpunkt Heidelberg als einziges weltliches. Der dank der Tatkraft Pfalzgraf Ruprechts I. nach 1350 einsetzende politische wie kulturelle Aufschwung, der sich in besonderen Befugnissen wie dem Richteramt über den König und der Wahrnehmung des Reichsvikariats zeigte und in der 1356 erlangten Kurwürde gipfelte, ließ die Pfalz im 14. Jahrhundert derart an Ansehen und Macht gewinnen, dass die Nachfolge eines Fürsten, der Mitglied des Hauses Wittelsbach war, also einer der drei damals königsfähigen Familien entstammte, nur selbstverständlich schien.
Für den Betrachter empfiehlt es sich, am besten dem Rundgang durch die Präsentation zu folgen, die der besseren Übersicht halber in sechs Abschnitte gegliedert wurde. Der erste ist dem alten Pfalzgrafenamt und seiner Verlagerung an den nördlichen Oberrhein gewidmet, der zweite den Pfalzgrafen bei Rhein als Kurfürsten, mit höchsten Ämtern und in Königsnähe. Im dritten wird die Pfalzgrafschaft als Staat vorgestellt, mit den Unterabteilungen Herrschaftssymbolik, Lehnswesen, Burgen und Städte, Verwaltung, Kanzlei und Reichspfandschaften.
Der vierte dokumentiert speziell das Königtum Ruprechts III. Der fünfte hat die Pfalzgrafen und ihr Verhältnis zu Kirche, Gesellschaft und Niederadel zum Thema, ferner die Gründung der Universität, Handel und Gewerbe und die Entwicklung der heute als berühmteste und meistbesuchte Schlossruine der Welt geltenden kurpfälzischen Residenz zum kulturellen Zentrum, auf das Europa blickte. Im sechsten und letzten, mit dem Erbfolgekrieg endenden, Abschnitt wird die politische Bedeutung der Kurpfalz im 15. Jahrhundert nachgezeichnet, die Macht- und Prachtentfaltung unter Friedrich dem Siegreichen, der sie durch seine dem Kaiser erfolgreich trotzende Politik zu einem Vize- oder Gegenkönigtum am Rhein werden ließ.
Was in Heidelberg zu sehen ist, fasziniert und lädt zu längerem Verweilen ein: Da ist zum Ersten die „Goldene Bulle“ (nach der goldenen Schutzkapsel benannt), das grundlegende Gesetz Kaiser Karls IV. von 1356, weiter der „Ingeram-Codex“, ein für Herzog Albrecht von Österreich und Pfalzgräfin Mechthild hergestelltes, außergewöhnliches Wappenbuch sowie unter anderem die Darstellung der Königsmacht in der berühmten Bilderhandschrift des „Sachsenspiegels“.
Sehenswert sind auch die Stifterscheiben des Domherrn Johann von Worms, genannt von Dalberg, der 1482 das Amt des pfalzgräflichen Kanzlers antrat und seinen Heidelberger Wohnsitz zum Treffpunkt humanistisch gebildeter Gelehrter werden ließ.
Britta Steiner-Rinneberg


Miniatur aus dem Lehnsbuch des Kurfürsten und Pfalzgrafen Friedrich I., dem Siegreichen, 1471 – Leistung des Lehnseids durch einen Vasallen


Die Bellifortis mit Widmung für König Ruprecht III.
Die um 1402 entstandene, wohl bekannteste militärwissenschaftliche Bilderhandschrift des Spätmittelalters, die Konrad Kyeser ursprünglich König Wenzel zueignen wollte, dann jedoch König Ruprecht widmete



Der „Griff nach der Krone – die Pfalzgrafschaft bei Rhein im Mittelalter“, die aus Anlass der 600. Wiederkehr des Regierungsantritts König Ruprechts III. aus dem Hause Pfalz von den Staatlichen Schlössern und Gärten Baden-Württembergs und dem Generallandesarchiv Karlsruhe initiierte große Ausstellung zur Kulturgeschichte des Mittelalters zählt zu den wichtigsten Präsentationen des Jahres 2000. Sie bleibt bis zum 10. Dezember täglich (!) geöffnet: 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr. Ein Katalog ist zum Preis von 58 DM erhältlich.
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