ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2000Wirtschaftsgutachten: Steilvorlage

SEITE EINS

Wirtschaftsgutachten: Steilvorlage

Dtsch Arztebl 2000; 97(47): A-3125 / B-2633 / C-2337

Flintrop, Jens

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Budgetierung führt zu Rationierung. Diese von der Ärzteschaft unbeirrt wiederholte Feststellung für das Gesundheitswesen hat jetzt offenbar auch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung übernommen.
Im jüngsten Jahresgutachten stellen die fünf „Wirtschaftsweisen“ die Beitragssatzstabilität für die Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) infrage. Während Politiker stets behaupten, die Ärzte forderten mehr Geld für das Gesundheitssystem, um ihre eigenen Honorare zu verbessern, meinen die Gutachter: „Höhere Beitragssätze stellen kei-
ne Fehlentwicklungen dar, wenn die ihnen zugrunde liegenden Ausgabensteigerungen das Ergebnis veränderter Krankheitsspektren, demographischer Entwicklungen, medizinisch-technischen Fortschritts oder geänderter Präferenzen sind.“
Eine Steilvorlage für die Ärzte: Veränderte Krankheitsspektren? Chronische Erkrankungen haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen und belasten die Budgets im Gesundheitswesen dauerhaft. Demographische Entwicklungen? Die Lebenserwartung steigt, die Geburtenrate ist rückläufig. Folglich gibt es immer weniger junge GKV-Versicherte, die die Kran­ken­ver­siche­rung der Rentner subventionieren können. Zwar ist es falsch, dass jeder versicherte Rentner dem System besonders viel Geld kostet.
Die durchschnittlichen Aufwendungen je Rentner in der GKV sind aber deutlich höher (1998: 6 372 DM) als die der erwerbstätigen Mitglieder (1998: 2 460 DM); jeweils einschließlich der beitragsfrei Mitversicherten. Medizinischer Fortschritt? Bio- und gentechnische Anwendungen eröffnen neue Behandlungsalternativen und revolutionieren die Medizin – gewiss nicht zum Nulltarif. Geänderte Präferenzen? Die privaten Ausgaben der Bundesbürger für Gesundheitsleistungen steigen kontinuierlich. Vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass immer mehr Menschen den Druck des Arbeitsmarktes spüren und es sich einfach nicht mehr leisten können, krank zu sein und nicht zu „funktionieren“.
Bleibt zu hoffen, dass Bundeskanzler Gerhard Schröder, dem das Jahresgutachten in Berlin übergeben wurde, und Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Andrea Fischer die Signale wahrnehmen (wollen). Es gibt gute Argumente, sich vom Diktum der Beitragssatzstabilität zu verabschieden. Jens Flintrop
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema