ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/1996Abtreibung: Wann beginnt das Lebensrecht?

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Abtreibung: Wann beginnt das Lebensrecht?

Dtsch Arztebl 1996; 93(34-35): A-2140 / B-1816 / C-1708

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Scharfe Kritik am Urteil des Bundesverfassungsgerichts (BVG) vom 28. Mai 1993 in der Abtreibungsfrage übte auf einer Tagung im fränkischen Kloster Banz der Mainzer Rechtsphilosoph Prof. Dr. Dr. Norbert Hoerster. Er befand sich damit völlig im Einklang mit dem Veranstalter, dem Verein "Ärzte für das Leben". Auf wenig Gegenliebe stieß er dagegen mit seiner These, daß das Lebensrecht erst mit der Geburt beginnen solle, da bei dem Ungeborenen kein Ichbewußtsein und damit auch kein Lebensinteresse gegeben sei. Auf dem Seminar ging es außerdem unter anderem um die Hirntoddiskussion.


Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts in der Abtreibungsfrage hält Prof. Dr. Dr. Norbert Hoerster im Grunde für Heuchelei. Danach bleibe nämlich das verfassungsrechtlich verankerte Recht auf Leben dem menschlichen Embryo vorenthalten, obwohl von den Richtern jedes einzelne vorgeburtliche Leben "um seiner Einmaligkeit und seiner individuellen Menschenwürde willen" für schutzbedürftig erklärt worden sei.


Interessenorientierte Philosophie
Das Bundesverfassungsgericht erkläre zwar jede Abtreibung, die nicht unter eine der drei gesetzlich anerkannten Indikationen (medizinische, embryopathische und kriminologische) falle, für rechtswidrig und verboten, wie es sich zwingend aus dem Lebensrecht des Ungeborenen ergebe. Trotzdem ziehe das Gericht für die ersten drei Monate eine Beratung einer Bestrafung vor. Begründung des Gerichts: Während die Bestrafung abbruchwillige Frauen dazu verführe, überstürzt eine Selbstabtreibung vorzunehmen oder zum Kurpfuscher zu gehen, könne die Beratung abtreibungswillige Frauen eher dazu motivieren, ihr Kind auszutragen.
Es sei jedoch, betonte der Rechtsphilosoph, durchaus nicht so, daß sich eine Beratung gegenüber einer Bestrafung in allen Fällen vorteilhaft auswirke. Erfahrungen im Ausland hätten gezeigt, daß Strafen durchaus eine gewisse Schutzwirkung ausüben könnten.
Anders als bei der Bestrafungsregelung dürfe schließlich bei der Fristenregelung niemand zum Schutz des ungeborenen Lebens eingreifen und den abtreibungsbereiten Arzt am Töten hindern. Jenes Recht auf polizeiliches Eingreifen und auf Nothilfe Dritter, das jedes geborene menschliche Individuum genieße, werde dem betroffenen Embryo vorenthalten. Eine solche Regelung sei mit dem Konzept eines jedem Embryo zustehenden Lebensrechtes eindeutig unvereinbar.
Wenn dem menschlichen Embryo also kein Recht auf Leben zugestanden würde, ist nach Ansicht Hoersters eine ethische Theorie notwendig, die festlegt, welchen menschlichen Individuen genau das Recht auf Leben zustehe. Seiner Ansicht nach gebe es nur "einen einzigen Weg zur Begründung eines Rechtes auf Leben, der frei von religiösen oder metaphysischen Voraussetzungen ist: den Weg über ein Interesse am Leben beziehungsweise Überleben". Menschliche Föten hätten dieses Überlebensinteresse noch nicht, da sie noch keine zukunftsbezogenen Wünsche und Pläne, also kein Ichbewußtsein hätten. Deshalb würde ihnen durch einen vorzeitigen Tod nichts genommen, was sie wünschen oder erstreben könnten.
Erst nach der Geburt entwickele sich in einem allmählichen Prozeß das Ichbewußtsein. Da man den genauen Beginn dieses Prozesses jedoch nicht bestimmen könne, spreche er sich, anders als der australische Bioethiker Peter Singer, dafür aus, das Lebensrecht nicht später als mit der Geburt beginnen zu lassen. Eine Ausnahme von der Geburtsgrenze erscheint Hoerster im Fall von extremen Frühgeburten vertretbar. Die Konsequenz von Hoersters These: Abtreibungen in jedem Stadium der Schwangerschaft und die Tötung von extrem Frühgeborenen sollten generell erlaubt sein.


Naturrechtliche Philosophie
Hoersters Kritik an dem BVG-Urteil pflichteten die "Ärzte für das Leben" bei. Auch ihrer Ansicht nach ist der von den Karlsruher Richtern vorgesehene Schutz des Ungeborenen durch die Beratungsregelung nur unzureichend gewährleistet. Doch im Gegensatz zu Hoerster hielten die Seminarteilnehmer das Leben des Embryos von der Zeugung an für schützenswert. Dabei orientieren sie sich an der naturrechtlichen Ethik, die von Dr. Dr. Alexander Lohner, Habilitand der katholischen Moraltheologie in Berlin, erläutert wurde.
Naturrechtliches Denken bedeute für die Abtreibungsproblematik, daß man den "Seins- und Werdeprozeß der embryonalen Entwicklung nicht stört oder verhindert". Daß ein Embryo kein Lebensrecht habe, weil er keinen ausdrücklichen Überlebenswunsch habe, lasse sich widerlegen. Denn auch das Ungeborene zeige bereits ein Strebeverhalten, habe in diesem Sinne also Wünsche, die es zu befriedigen suche: "Es trinkt Fruchtwasser, ertastet seine Nabelschnur und lutscht lustvoll am Daumen." Das Neugeborene habe den Wunsch zu trinken und zu schlafen; es suche die körperliche Nähe der Mutter.
Die traditionelle, unter anderem auch die christliche, Ethik lehre, daß es Dinge gibt, die man unter keinen Umständen tun dürfe. Dazu gehöre alles, was gegen das Wesen und die Würde die Menschen als Person verstoße. Eine Person sei nach "traditioneller und philosophisch wohlbegründeter Auffassung jedes Wesen einer Art, deren normale Mitglieder die Möglichkeit haben, Ichbewußtsein und Rationalität zu erwerben. Das bedeutet: Jeder Mensch ist eine Person."
Schon in der Natur des ungeborenen Kindes bestünden sämtliche Vermögen zu den im erwachsenen Menschen entfalteten Fähigkeiten. "Die Mutter, die ihrem fünfjährigen Kind das Ultraschallbild zeigt, welches es als drei Monate alten Embryo abbildet, wird sagen: Das warst du – und nicht: Das ist das vorpersonale Wesen, aus dem du wurdest."
Für Lohner ist die Geburt als Lebensrechtsgrenze vollkommen willkürlich und keinesfalls klar. Denn wie wolle man Fälle beurteilen, in denen das abgetriebene Fünfmonatskind "versehentlich" lebendig zur Welt kommt und dann an den Abtreibungsverletzungen stirbt? Wie wolle man die Probleme fortschreitender Retortenmedizin lösen, welche die Geburt als signifikanten biologischen Einschnitt mehr und mehr aufheben könne und werde?
Dem Vorwurf der Behindertenfeindlichkeit begegne Hoerster wiederum mit dem Argument, daß er ja das prinzipielle Lebensrecht aller Ungeborenen negiere – behinderter und nichtbehinderter. "Doch werden sich in Zukunft Eltern, die sich für ihr behindertes Kind entscheiden, nicht rechtfertigen müssen, eventuell gesellschaftliche Nachteile und Sanktionen zu erwarten haben?" fragte Lohner.


Hirntoddiagnostik
Die Seminarteilnehmer beschäftigten sich nicht nur mit dem Anfang, sondern auch mit dem Ende des Lebens. Die Hirntodkriterien zielen, so der Münchner Neurochirurg Prof. Dr. med. Oskar Josef Beck, darauf ab, daß die Hirntoddiagnose in jedem Krankenhaus mit entsprechender Intensivstation vorgenommen werden könne. Unabdingbare Voraussetzungen, die wiederholte Feststellung von Koma, Hirnstammreflexie, Apnoe und eine angemessene Beobachtungszeit oder, wenn nötig, ergänzende Untersuchungen gäben heute eine absolute Sicherheit in der Diagnose des Hirntods. Die Nachweisverfahren des völligen und endgültigen Hirnausfalls seien in Deutschland durch den Wissenschaftlichen Beirat der Bundes­ärzte­kammer vereinheitlicht. Danach müsse der vollständige und endgültige Hirnausfall von zwei Ärzten festgestellt werden, wenigstens einer dieser beiden Ärzte müsse eine mehrjährige Erfahrung in der Intensivbehandlung haben, und keiner von ihnen dürfe an einer vielleicht möglichen Organtransplantation mitwirken.
Der Hirntod leite zwar unumkehrbar das Sterben ein, jeder wisse aber, daß im Körper des Hirntoten noch biologisches Leben vorhanden ist. Hirntote seien also Sterbende. Aus diesem Grunde spricht sich Beck in bezug auf ein geplantes Transplantationsgesetz für eine enge Zustimmungslösung aus. Denn das Grundrecht auf Leben, das im Grundgesetz verankert sei, verbiete die externe Verfügung über das Leben auch dann, wenn diese der Rettung des Lebens Dritter diene. Deshalb könne nur der Betroffene selbst bei Lebzeiten und bei vollem Bewußtsein die Organspende erlauben. Die Spende müsse freiwillig, schriftlich und unter Umständen widerrufbar sein. Nur so werde die personelle Menschenwürde gewahrt, nur so könnten die Angehörigen vor Druck der Umwelt geschützt werden.
Beck betrachtet die Organspende als "ein Geschenk der Nächstenliebe". Denn wer "die Freude eines Nierentransplantierten erlebt hat, wenn dieser erstmals wieder Wasser lassen kann, und wer einen Herztransplantierten nach monatelangem Siechtum wieder Sport treiben gesehen hat, wird sich intuitiv für eine Organspende aussprechen, auch wenn das Leben mit einem fremden Organ weder medizinisch noch psychologisch als normal angesehen werden kann", sagte der Münchner Neurochirurg. Entgegen der vorherrschenden Meinung habe eine Repräsentativumfrage der Universität Düsseldorf von 1995 eine Zunahme der Spendenbereitschaft verzeichnen können. Mit einer besseren Information der Bevölkerung und einer Optimierung des Organisationsablaufes lasse sich die Spendenbereitschaft sogar noch weiter erhöhen, wie Beispiele in Spanien und Großbritannien zeigen. Gisela Klinkhammer

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