ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2000BSE: Hochmut vor dem Fall

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BSE: Hochmut vor dem Fall

Dtsch Arztebl 2000; 97(48): A-3213 / B-2718 / C-2525

Zylka-Menhorn, Vera

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LNSLNS Jetzt ist es – endlich – amtlich: Auch Deutschland ist BSE-Land. Damit sind der Schönrederei der Lobbyisten und Politiker, Deutschland sei eine BSE-freie Insel der Seligen, ein Ende gesetzt. Der „GAU der industrialisierten Landwirtschaft“, so Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Andrea Fischer, ist nunmehr offiziell. Ob man ihn mit frühzeitigen präventiven Maßnahmen hätte vermeiden können, ist unklar, aber man hätte es versuchen müssen. Die Verantwortlichen müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, den jahrelangen Warnungen der Wissenschaftler kein Gehör geschenkt zu haben.
Dabei gehen die Versäumnisse der alten und der neuen Regierung nahtlos ineinander über. Obwohl der EU schon lange Berichte vorlagen, dass Deutschland nicht BSE-frei sein kann, war hierzulande den Verantwortlichen die Gesundheit der Bevölkerung keinen Pfifferling wert. Dass das Ausland die deutsche Haltung hinsichtlich BSE als arrogant und selbstgerecht wertet, ist daher nur folgerichtig. Doch auch nachdem „das Kind in den Brunnen gefallen ist“, wollen weder der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Gerd Sonnenleitner, noch Bundeslandwirtschaftsminister Karl Heinz Funke Versäumnisse eingestehen. Sie ergießen sich vielmehr in unerträglichen Schuldzuweisungen, um die eigene Weste „weiß“ erscheinen zu lassen. Sonnenleitner und Funke scheuen sich auch nicht, das längst überfällige generelle Verbot der Verfütterung von Tiermehl und seine Ausfuhr heute als konsequenten Schritt im Sinne des Verbraucherschutzes darzustellen – der blanke Hohn.
Um eine Panik der Verbraucher zu vermeiden, weisen sie auch auf die Anwendung von BSE-Schnelltests hin. Doch die beiden zur Verfügung stehenden Testverfahren können nur bereits erkrankte Tiere „herausfischen“. Angesichts einer durchschnittlichen Inkubationszeit von BSE von fünf Jahren vermitteln diese Tests dem Verbraucher nur eine trügerische Sicherheit. Denn etwa 60 Prozent der in Deutschland geschlachteten Rinder sind jünger als drei Jahre. Vor diesem Hintergrund ist die BSE-Testung aller Schlachtrinder als Maßnahme des vorbeugenden gesundheitlichen Verbraucherschutzes nicht geeignet. Sie dient lediglich der Bestandsaufnahme für bereits erkrankte Rinder. Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
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