ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2000Präimplantationsdiagnostik: Unterschiedliche Schutzwürdigkeit

POLITIK

Präimplantationsdiagnostik: Unterschiedliche Schutzwürdigkeit

Dtsch Arztebl 2000; 97(48): A-3224 / B-2726 / C-2532

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Auf Wertungswidersprüche weist der Vorsitzende des
Wissenschaftlichen Beirats der Bundes­ärzte­kammer hin.


Unzulässig ist die Präimplantationsdiagnostik (preimplantation genetic diagnosis = PGD) in Portugal, Österreich und der Schweiz. In den meisten europäischen Ländern ist sie entweder gesetzlich erlaubt, oder entsprechende Gesetzesvorhaben sind in Vorbereitung. In Deutschland ist es umstritten, ob die PGD mit dem Embryonenschutzgesetz vereinbar ist. In einem Fortpflanzungsmedizingesetz, das demnächst möglicherweise das Embryonenschutzgesetz ablösen wird, soll nach Vorstellung von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Andrea Fischer die Präimplantationsdiagnostik verboten werden.
Nach Ansicht von Prof. Dr. med. Karl-Friedrich Sewing, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundes­ärzte­kammer, verstößt die PGD nicht gegen das bestehende Embryonenschutzgesetz. Er kritisierte Bestrebungen, die Präimplantationsdiagnostik explizit zu verbieten, obwohl ein eventueller „PGD-Tourismus“ kein Argument dafür sei, diese Methode zu gestatten. Er hält es jedoch generell für ethisch fragwürdig, Wissen, das im Ausland entwickelt wurde, anschließend in Deutschland zu nutzen.
Zwar müsse gerade in Deutschland in Fragen des Lebensschutzes ein hoher Standard gelten, betonte Dr. med. Christiane Woopen, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats, anlässlich der Medica in Düsseldorf vor Journalisten. Einen Wertungswiderspruch sieht sie jedoch in der unterschiedlichen Schutzwürdigkeit des Embryos in vitro und in vivo. „Ein Gesetzgeber, der nidationsverhütende Maßnahmen nicht verbietet, der Schwangerschaftabbrüche nach Pränataldiagnostik nicht verbietet, der die Schwangerschaftsvermeidung durch die ,Pille danach‘ nicht der Beratungsregelung zum Schutz des ungeborenen Lebens unterwirft, kann die Präimplantationsdiagnostik nicht mit der Begründung verbieten, es gehe um den Schutz des Embryos.“ Den Hinweis darauf, dass bei bestehender Schwangerschaft in vivo der Embryo unter dem realen Schutz der Frau stehe, hält Woopen für realitätsfern. So begännen 53,6 Prozent der Frauen mit einem bekannten hohen Risiko für eine schwere genetisch bedingte Krankheit oder Behinderung des Kindes eine Schwangerschaft nur im Hinblick auf eine Pränataldiagnostik mit möglicherweise folgendem Schwangerschaftsabbruch. Auch wenn man so genannte Schwangerschaftsabbrüche auf Probe als problematisch erachte, müsse man im Rahmen rechtlicher Regelungsmöglichkeiten das geringere Übel nicht verbieten, fordert die Medizinethikerin.
Gesellschaftlicher Diskurs
Auch Sewing ist dieser Auffassung. Wenn der Embryo einen uneingeschränkten Schutz besäße, so sei dieser auch uneingeschränkt bis zur Geburt zu beanspruchen. Mit der Begründung einer symbiotischen Situation in vivo werde dieser Schutz im Sinne einer Güterabwägung beim straffreien Schwangerschaftsabbruch allerdings eingeschränkt.
Sewing und Woopen begrüßten den gesellschaftlichen Diskurs. „Auf breiter Ebene sollte deutlich werden, dass es nicht nur um Detailfragen der Fortpflanzungsmedizin geht. Vielmehr geht es um Prinzipien übersteigende grundsätzliche Fragen über unsere Haltungen zu menschlichem Leben in all seiner Vielfalt und seinen Entwicklungsstufen“, sagte Woopen. Gisela Klinkhammer
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