ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2000Neue Länder: Hart an der Grenze

THEMEN DER ZEIT

Neue Länder: Hart an der Grenze

Dtsch Arztebl 2000; 97(48): A-3246 / B-2742 / C-2550

Jachertz, Norbert

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LNSLNS Von Sozialarbeit, rechtem Potenzial und finanziellen Engpässen in Deutschlands östlichstem Winkel


Unterwegs zwischen Bautzen und Zittau. Eine friedliche Landschaft mit reichem historischem Erbe, heute im äußersten Zipfel Deutschlands gelegen. Caritas und Diakonie haben gemeinsam eingeladen unter dem Motto: „Anschluss verloren“. Mal mit, mal ohne Fragezeichen. Absicht der Veranstalter ist es nicht nur, Sozialprojekte in Ostdeutschland vorzuführen, sondern auch auf deren Finanzklemme hinzuweisen.
Beispiel 1: In Bautzen, bis heute assoziiert mit der berüchtigten Strafanstalt (wer weiß schon, dass die Stadt vom Barock geprägt ist?), unterhält die Caritas eine Berufsfachschule für Kinderpflege. Sie wird sehr gut angenommen; 106 Schülerinnen werden von 17 Lehrerinnen auf knapp neun Planstellen unterrichtet. Eine ideale Schüler-Lehrer-Kombination. So weit alles prima. Doch der Fortbestand steht dahin, der Staat muss die Mittel kürzen.
Beispiel 2: Das christliche Jugenddorfwerk betreibt in Löbau, ein Stück südlich von Bautzen und vormals Standort der Offiziershochschule der Nationalen Volksarmee, eine Wohnstätte, angegliedert sind eine Reihe von Projekten der Jugend- und Familienbetreuung. Die Wohnstätte Horizont ist in einer alten Villa untergebracht, gepflegt und mit Möbeln im Baumarktstil ausgestattet. 13 Mitarbeiter betreuen 20 Kinder und Jugendliche. Die kommen aus Familien, die mit ihren Kindern nicht fertig wurden; im Gespräch mit den Jugendlichen drängt sich freilich der Eindruck auf, dass eher die Kinder mit ihren Eltern nicht fertig wurden. Sie alle sind auf der Suche nach Halt, den eine relativ straffe Führung durch die Erzieher zu vermitteln sucht. Die älteren haben ganz konkrete und kreuzbrave Berufsvorstellungen, wie Bäcker oder Maurer. Die Leitung des Hauses lässt durchblicken, dass die Finanzierung der personalintensiven Betreuung infrage gestellt wird.
Beispiel 3: Zittau. Die Lage, hart an der Grenze zu Polen und Tschechien, verführt zum kleinen Grenzverkehr. Sind es in Polen die Polenmärkte, die vom Gemäldekitsch bis zu Waldpilzen allerlei zu billigem Preis anbieten, ist es auf der tschechischen Seite die Straßenprostitution, kombiniert mit dem billigen Tanken. Bei einer Tankfüllung spart ein deutscher Freier gerade so viel ein, wie eine kurze Visite am Straßenrand kostet. Das Geschäft blüht. Es blühen auch die einschlägigen Infektionen. Wer ist nun zuständig für Betreuung und Behandlung ukrainischer Mädchen, die von rumänischen Zuhältern an deutsche Interessenten in Tschechien vermarktet werden? Die Diakonie in Zittau, die sich „um alle kümmert, um die sich kein Schwein kümmert“, hat ein Street-working-Projekt aufgezogen, betrieben durch drei gestandene tschechische Damen. Die Finanzierung ist Jahr für Jahr eine Zitterpartie. Im nächsten Jahr wird sie wohl nicht mehr klappen, denn der Staat Sachsen sieht nicht ein, weshalb er drei Tschechinnen, die zwar in Zittau angestellt sind, aber jenseits der Grenze arbeiten, aus deutschen Steuermitteln unterhalten soll.
Die Reihe der Beispiele ließe sich fast beliebig fortsetzen. Die Finanzenge tritt überall zutage. Der Winkel zwischen Bautzen und Zittau ist zurzeit aus sich heraus nicht lebensfähig, sondern auf Zuschüsse von außen angewiesen. Die Arbeitslosigkeit liegt um die 20 Prozent, zählt man den so genannten zweiten Arbeitsmarkt hinzu, dann sind es 40 Prozent. Aussicht auf Besserung besteht kurzfristig nicht. Einige hoffen auf die Erweiterung der EU, andere fürchten diese. Der Leiter des Bautzener Arbeitsamtes meint jedenfalls, die Lage werde bei Öffnung der Grenze noch kritischer, weil minderqualifizierte deutsche Arbeitskräfte gegenüber einströmenden Arbeitern aus Polen oder Tschechien nicht konkurrenzfähig sind. Das alles wissen die Jungen und Aktiven, die Gebildeten und gut Ausgebildeten – und wandern ab.
Der sächsische Sozialminister, Dr. Hans Geisler, den wir gegen Abschluss unserer Studienfahrt im Tagungsraum der Herrenhuter Brüdergemeinde treffen, rechnet damit, dass in fünf Jahren die Schülerzahl um 30 bis 40 Prozent gesunken ist. Das bedeutet weniger Schulen, und damit erklärt sich auch die Finanzenge der Berufsfachschule in Bautzen. Geisler weist darauf hin, dass die Krankenhäuser etwa im Jahr 2010 vor dem gleichen Problem stehen.
Ein Teufelskreis: Die Infrastruktur wird ausgedünnt, und weil Infrastruktur fehlt, verlassen die Aktiven die Gegend, so schön und heimatlich sie auch ist. Resignation breitet sich aus. Ein Sozialwissenschaftler hat festgestellt, dass 86 Prozent der Ostdeutschen die Aussage: „Ich kann sowieso nichts ändern“, unterschreiben.
Wer im Osten unterwegs ist, fragt unweigerlich nach Erklärungen für die Umtriebe von „rechts“. Um ehrlich zu sein, die meisten, die wir befragt haben, sind genau so ratlos wie wir selbst. Aber ein paar Anhaltspunkte gibt es doch.
Jugendliche, wie die in der Wohnstätte Horizont, sind wahrlich nicht „rechts“, wohl aber anfällig. Sie suchen Halt im Heim. Andere suchen Halt und finden den in den kleinen Gruppen am Bahnhof oder an den Parkecken, wo man zusammensteht, raucht, nicht zu knapp trinkt und Parolen brüllt. Man erfährt zwar wenig Liebe von zu Hause, aber zumindest die Kumpanei in der Gruppe. Ein Erzieher von Horizont: „Wo kann man so einfach Zuwendung erhalten als bei einer rechten Truppe?“ Hinzuzufügen wäre: Wer traut sich, aus der Truppe auszubrechen, wenn die mal zum Draufschlagen losmarschiert?
Man könnte dem Problem, zumindest soweit Jugendliche betroffen sind, beikommen durch Sozialarbeit im Kleinen – und die Öffnung von Lebensperspektiven. Ein Musterbeispiel glaubt Diakonie-Präsident Jürgen Gohde in Hoyerswerda entdeckt zu haben, jenem Ort, der als erster unrühmlich bekannt wurde. Die Jugendarbeit sei hier durch kleinräumige Initiativen, vielfältige Begegnungsmöglichkeiten, Selbstgestaltung durch die Jugendlichen gekennzeichnet. Gohde fordert folglich generell: Keine Schließung von Jugendclubs. Erhalt der Infrastruktur, um den jungen Leuten Chancen für die Zukunft aufzuweisen.
Caritas-Präsident Hellmut Puschmann formuliert das so: Die Kirche müsse Lebensräume schaffen, auch durch Sozialarbeit. Wird aber die Kirche im Osten auch akzeptiert – in einem weitgehend entkirchlichten Land? Die Frage blieb offen.
Wie auch immer Jugendclubs und Infrastruktur organisiert werden mögen, es mangelt schlichtweg für solche Arbeit an Geld. Der Sozialhaushalt Sachsens muss in den nächsten Jahren zurückgeführt werden, unter anderem deshalb, weil die westlichen Bundesländer im Rahmen des Länderfinanzausgleichs gewisse osttypische Sozialleistungen nicht anerkennen wollen.
Doch das Geld wäre gut angelegt. So, wie die Überweisungen unter dem Strich nach Ostdeutschland bisher gut angelegt waren. Darin stimmen Sozialminister Geisler und sein politischer Gegner, der Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, Thomas Jurk, überein: Mit den Transfergeldern ist viel erreicht worden. Der Osten ist kein Fass ohne Boden. Norbert Jachertz


Wohnstätte Horizont: Suche nach Halt; die Eltern waren vor drei Monaten zum letzten Mal da.


Bautzen: Perfekt restauriertes Kaufmannshaus mit modernem Drogeriemarkt


Löbau: Stimmungsbild
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