ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2000WHO: Beachtlicher Fehlschluss

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WHO: Beachtlicher Fehlschluss

Dtsch Arztebl 2000; 97(48): A-3250 / B-2746 / C-2554

Piribauer, Franz

Zu dem Beitrag „World Health Report: Mixtur von harten und weichen Daten“ von Hans-Joachim Maes in Heft 36/2000:
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LNSLNS Mit Überraschung nehme ich die simplifizierte und sachlich völlig unkorrekte Darstellung der Datengewinnung für den Welt-Gesundheitsbericht 2000 im Deutschen Ärzteblatt zur Kenntnis. Hans-Joachim Maes kommt offenbar . . . zu einem beachtlichen Fehlschluss über die methodische Qualität des Berichtes. Maes schreibt, es seien
1 006 Personen nach Elementen von Ungleichheiten der Gesundheitssysteme befragt worden, und diese 1 006 Personen aus 125 Ländern, also acht Personen pro Land, hätten über die Gleichheit der Systeme in ihren Ländern geurteilt. Für den Rest von 66 Ländern sei dann offenbar mit einer unklaren Methode gleich eine „Bewertung mit getroffen worden“. Das Verfahren der WHO war aber ein völlig
anderes. Die 1 006 Personen wurden lediglich zu ihrer Einschätzung der relativen Gewichte der einzelnen Komponenten des „overall health system performance index“ und des „Responsiveness index“ per Internet befragt. Als größter gemeinsamer Nenner der 1 006 ergab sich dann die von Maes richtig zitierte Verteilung von 50 Prozent für „Gesundheit“, 25 Prozent für „Patientenorientierung“ (Responsiveness) und 25 Prozent für „faire Verteilung der Finanzierung“, die in Summe die 100 Prozent der Gesamtwertung der „Zielerreichung des Systems“ (health system attainment) ergab, bei der Deutschland jedoch den 14. Platz und nicht den 25. Rang belegte, wie Maes schreibt. Maes verschweigt den deutschen Ärzten jedoch völlig die Befragung von 1 791 „key informants“ in 35 repräsentativen Ländern. Diese fast 1 800 Interviews produzierten nun den Inhalt des einzig neuen „weichen“ Indikatorensatzes der Patientenorientierung des Gesundheitssystems (Responsiveness). Nicht die Gleichheit wurde also in Interviews erhoben, wie Maes schreibt, es waren auch keine 1 006 Personen in 125 Ländern, sondern 1 791 in 35 repräsentativen Ländern. Damit beschrieben mehr als 50 key informants ihr jeweiliges Land, und nicht acht, wie Maes darstellt. Bedauerlich ist auch die Unkenntnis über die Bedeutung der Konfidenzintervalle bei Maes. Die Angabe eines statistischen Vertrauensbereiches zu einer Zahl, etwa einer Durchimpfungsquote, weist auf korrekte Erhebungsmethoden hin und nicht, wie der Autor in Unkenntnis der Verfahren glaubt, auf die „fehlende Exaktheit“ der WHO. Die Angabe von oberen und unteren Schätzgrenzen ist state of the art in der internationalen Gesundheitsberichterstattung, und dieser state of the art ist dem Autor offenbar unbekannt, da er das Verfahren der WHO vorwirft. Die überraschende Diagnose für Deutschland kann nicht durch eine mindere Qualität des Untersuchungsverfahrens hinweg erklärt werden.
Dr. med. Franz Piribauer, MPH (Harvard), Österreichische Gesellschaft für Gesundheitswissenschaften und Public Health, Bernardgasse 39,
A-1070 Wien
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