ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2000Vergangenheit: Von geistigen Grundlagen ausgehen

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Vergangenheit: Von geistigen Grundlagen ausgehen

Dtsch Arztebl 2000; 97(48): A-3253 / B-2736 / C-2423

Bäßler, Eberhard

Zu den Leserbriefen in den Heften 31–32 und 39/2000, die sich auf das Interview mit Prof. Dr. med. Eggert Beleites „Das Problem ist ja nicht weg aus unserer Zeit“ in Heft 27/2000 bezogen:
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LNSLNS Wenn ich im DÄ den Disput um die Herren Ibrahim und Beleites verfolge und auch in anderen Medien sehe, höre und lese, wie ach so harmlos doch die DDR im Vergleich mit Nazideutschland gewesen ist – denn die DDR-Machthaber haben ja keinen Holocaust verursacht –, frage ich mich, wie viele Personen ein Mensch beseitigt oder liquidiert haben muss, damit er als Mörder bezeichnet werden kann – einen, zehn, hundert oder fünf Millionen?
Will ich politische Systeme vergleichen, muss ich doch zunächst von ihren geistigen Grundlagen ausgehen. Erst dann kann ich nach dem Zusammenhang der Folgen der persönlich zurechenbaren Schuld der in das System verstrickten Menschen mit diesen geistigen Grundlagen des Systems fragen.
Mir sind an der Ostfront in der „faschistischen Wehrmacht“ auch viele gute Menschen begegnet, die „Gutes“ bewirkt haben, trotz der oft höllischen Umwelt. Auch in den Gulags und in den KZ haben gute Menschen „Gutes“ bewirkt, trotz der verbrecherischen SS-Wachmannschaften und ihres verbrecherischen Systems. Selbstverständlich war die DDR kein KZ. Immerhin konnten auch in ihr gute Menschen Gutes tun, trotz und gegen das verbrecherische System (Stichwort: Solidarität).
Dass sowohl das nationalsozialistische als auch das DDR-System totalitär, also verbrecherisch gewesen sind, können doch nur noch wirklichkeitsblinde Menschen bestreiten. Jedes Schulkind lernt heute (hoffentlich), dass allen totalitären Systemen das (un)ethische Axiom gemeinsam ist: „Gut ist allein das, was dem System (und damit dessen Machthabern) nützt.“ Reicht das nicht aus zur Verurteilung – egal, wie viele Menschen genau unter diesem Axiom unmenschlich eingesperrt, gefoltert und ermordet wurden (und werden)?
Dr. med. Eberhard Bäßler, Hirschfelder Weg 9, 12679 Berlin
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