ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2000Schlaflosigkeit: Arzneipalette ermöglicht individuelle Therapie

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Schlaflosigkeit: Arzneipalette ermöglicht individuelle Therapie

Dtsch Arztebl 2000; 97(48): A-3281 / B-2637 / C-2389

Leinmüller, Renate

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LNSLNS Obwohl Benzodiazepine inzwischen zurückhaltend verordnet werden, sind sie für das Therapie-Portfolio von Insomnien unverzichtbar. Zwar können rund 60 Prozent der Schlafpatienten in der Klinik erfolgreich mit den nebenwirkungsärmeren Benzodiazepin-Agonisten behandelt werden. In rund einem Viertel der Fälle sind nach Worten von Prof. Eckart Rüther (Göttingen) jedoch nach wie vor Benzodiazepine zur Therapie der schweren intermittierenden oder chronischen Schlafstörungen notwendig.
Bei einer Veranstaltung der ICN in Frankfurt machte Rüther den Einsatz der verschiedenen medikamentösen Optionen an Zeitverlauf und Schweregrad der Insomnie fest: Kurze, akute Schlafstörungen erfordern nur dann eine kurzfristige Medikation, wenn sie häufiger auftreten. Leichte Schlafstörungen können mit Phytotherapeutika behandelt werden, mittelschwere mit Antidepressiva. Bei schweren Insomnien bevorzugt Rüther Benzodiazepin-Agonisten (siehe Grafik).
Besondere Aufmerksamkeit erfordern seiner Ansicht nach die lange bestehenden Schlafstörungen, die den Patienten tagsüber beeinträchtigen. Wie der Experte ausführte, können sich Schlafstörungen „verselbstständigen“ und dann auch ohne auslösende Faktoren auftreten; dieser Prozess, der morphologische Veränderungen im Gehirn involviert, dauert etwa drei bis fünf Jahre. Recht früh entwickeln sich endokrinologische Veränderungen, etwa erhöhte abendliche Kortisolwerte, die mit einem erhöhten nächtlichen Erregungsstatus einhergehen, im weiteren Verlauf kommt es zu einer verminderten Ausschüttung des Schlaf-hormons Melatonin. Um diesen Prozess rückgängig zu machen, ist viel Geduld und eine Kombination von Maßnahmen (Antidepressiva, Benzodiazepine in Intervallen, Melatonin-Dauertherapie, Psychotherapie) notwendig.
Um eine „Verselbstständigung“ zu verhindern, muss die Therapie jedoch bereits frühzeitig einsetzen. Wenn Benzodiazepine indiziert sind, kann sich der Arzt bei der Auswahl des geeigneten Medikamentes am Patientenbild orientieren: Bei kurz wirksamen „Auslösern“ wie Stress eignen sich Präparate mit kürzeren Halbwertszeiten wie Temazepam (Remestan®), bei Schmerzen das etwas länger wirkende Lormetazepam (Loretam®). In niedriger Dosierung (0,5 bis 1 mg) bewirke Letzteres keine oder nur eine geringe Beeinträchtigung der Fahrtüchtigkeit – im Gegensatz zu Präparaten mit langer Halbwertszeit wie Nitrazepam (Mogadan®) oder Flurazepam (Dalmadorm®).
Diese seien nicht für Kraftfahrer geeignet, so Prof. Benno König (Mainz), und sollten bevorzugt verabreicht werden, wenn zusätzlich eine Tageswirkung mit anxiolytischem oder dämpfendem Effekt erwünscht ist – etwa bei Schlafpatienten mit psychischer Komponente.
Kernelement jeder Insomnietherapie sind nichtmedizinische Maßnahmen; allerdings stießen Ratschläge zu Schlafhygiene, zum Erlernen von Entspannungstechniken und weitere nicht pharmakologische Interventionen oft auf wenig Gegenliebe bei den Patienten, berichteten die Referenten. Dr. Renate Leinmüller
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